Mittwoch, 10.03.2010

Die Frage nach den Ursachen

 
Als Betroffener habe mich schon oft gefragt: Wie kommt es dazu, dass ich mich als Erwachsener sexuell zu Kindern hingezogen fühle? Selbst in der Wissenschaft herrscht über diese Frage immer noch große Uneinigkeit. Es gibt Experten, die betonen den prägenden Einfluss biographischer Faktoren, andere weisen auf eine genetische Disposition hin. Offiziell gilt die Ursache der pädophilen Ausrichtung noch immer als ungeklärt. Die meisten Fachleute geben deshalb eine diplomatische Antwort, wenn sie nach den prägenden Faktoren gefragt werden:

Pädophilie stellt also eine besondere Ausprägungsform einer sexuellen Präferenz dar, nämlich die sexuelle Ausrichtung auf Kinder. Eine solche sexuelle Ausrichtung ist keine Wahlentscheidung, sondern – nach dem derzeitigen Stand der sexualwissenschaftlichen Kenntnis – das Produkt eines bio-psycho-sozialen Entstehungsprozesses.“

(Ahlers Ch. J., Schaefer G. A., Beier K. M. (2005): „Das Spektrum der Sexualstörungen und ihre Klassifizierbarkeit in DSM-IV und ICD-10.“, Sexuologie 12 (3/4), S. 147)

Eine Antwort, die alles und gar nichts sagt. Als Betroffener fühle ich mich oft sehr verloren, wenn ich die entsprechende Diskussion verfolge. Es gibt keine einheitliche Sichtweise, von einem allgemein anerkannten Behandlungskonzept ganz zu schweigen. Nur in einem Punkt herrscht weitestgehend Einigkeit: Die wenigsten Fachleute plädieren für eine Legalisierung pädophiler Sexualkontakte.


Ein individuelles Zusammenspiel vieler Faktoren

Ich habe für mich keine abschließende Antwort auf die Frage gefunden, warum ich pädophil geworden bin. Vielleicht wird diese Frage niemals zu beantworten sein wird. Ich glaube ohnehin nicht an eine einzige Ursache, wahrscheinlich kommen eine ganze Reihe an Faktoren zusammen. Bestimmt haben auch meine Kindheitserfahrungen eine Rolle gespielt, diese Erklärung allein überzeugt mich aber nicht. Es gibt viele Menschen, die eine schwere Kindheit hinter sich haben, aber längst nicht alle davon werden später pädophil. Das klassische Erklärungsmodell „schwierige Kindheit“ halte ich allein nicht für ausreichend, sehr wahrscheinlich kommen noch andere Umstände dazu.

Ich halte es für möglich, dass die Entstehung einer pädophilen Ausrichtung durch eine genetische Vorprägung begünstigt wird. Ich glaube nicht, dass eine pädophile Ausrichtung angeboren ist im Sinne eines vorherbestimmten Schicksals. Vorstellen kann ich mir aber, dass bestimmte Persönlichkeitsstrukturen (vielleicht auch neuropsychologische Faktoren) im Zusammenspiel mit biographischen Konstellationen die Entstehung einer pädophilen Präferenz begünstigen. Dennoch scheint mir ein Zusammenhang mit bestimmten Kindheitserlebnissen sehr wahrscheinlich. Mir fällt z. B. auf, dass viele Pädophile offenbar eine gestörte Vaterbeziehung hatten, ihnen fehlte das männliche Vorbild. Damit möchte ich keine Schuldzuweisungen an die Eltern verbinden, trotzdem wage ich zu behaupten: Menschen mit schwieriger oder sogar traumatischer Kindheit haben im Erwachsenenalter ein höheres Risiko, eine pädophile Neigung auszubilden.

Wenn ein solcher Zusammenhang besteht, dann könnten sich daraus Ansätze für die Prävention ergeben. Die viel beschworene „glückliche Kindheit“ gibt es zwar nur im Bilderbuch, aber man kann dafür Sorge tragen, dass Kinder die Liebe und Zuwendung bekommen, die sie für ihre gesunde Entwicklung unbedingt brauchen. Kinder müssen sich mit ihren Gefühlen, Ängsten und Sorgen jederzeit ernst genommen fühlen. Sie brauchen die Gewissheit, dass die Eltern immer für sie da sind, dass sie niemals allein gelassen werden. Ich bin sicher, Pädophilie hat auch etwas mit dem geheimen Wunsch zu tun, die eigene Kindheit nachzuholen, mit dem inneren Kind ins Reine zu kommen.

 

Meine eigene Kindheit

Was meine eigene Kindheit angeht, so gab es traumatische Erlebnisse, die mir bis heute zu schaffen machen. Ich bekam wenig Zuwendung. Mein Vater verließ die Familie, als ich 8 Jahre alt war. Meine Mutter blieb mit mir und meinen beiden jüngeren Schwestern allein zurück. Auch sie konnte mir keinen Halt geben, dazu war sie selbst viel zu angeschlagen. So war ich schon früh mit meinen Gefühlen auf mich allein gestellt, auch mit der Scheidung meiner Eltern musste ich allein mit fertig werden. So etwas ist natürlich zu viel für ein 8-jähriges Kind. Die schlimmste Zeit meines Lebens begann zwei Jahre später: Wegen Verhaltensauffälligkeiten in Familie und Schule kam ich im Alter von 10 Jahren in ein Kinderheim (siehe: Meine Zeit im Kinderheim). Nach einem Jahr schickte man mich plötzlich in ein anderes Heim, wo ich noch einmal drei Jahre verbringen musste. Beide Heimunterbringungen geschahen gegen meinen ausdrücklichen Willen, aber als Kind hatte ich keine Möglichkeit, mich dagegen zu wehren. Ich fühlte mich den Entscheidungen der Erwachsenen absolut hilflos ausgeliefert. Es war eine schreckliche Zeit: Die Atmosphäre war streng, kalt und lieblos. In beiden Heimen erlebte ich Dinge, die man heute als Kindesmisshandlung bezeichnen würde.

Geholfen haben mir die Heimaufenthalte nicht, ganz im Gegenteil: Sie haben mich vorübergehend zu einem braven und angepassten Kind gemacht, innerlich aber bin ich daran kaputt gegangen. Bis heute bin ich nicht darüber hinweggekommen und habe immer noch das Gefühl, dass ich einen wichtigen Teil meiner Kindheit nicht leben konnte. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass ich jemals vollständig mit meiner Vergangenheit abschließen werde. Meine Kindheit endete praktisch im Alter von 10 Jahren, also viel zu früh. Wahrscheinlich fühle ich mich deshalb mit Jungen im Alter von 10/11 Jahren ganz besonders verbunden, denn genau dieses Alter war für mich die schwerste Zeit. Gern würde ich diesen Teil meiner Kindheit noch einmal erleben, auch wenn das niemals möglich sein wird.

Längst nicht alle Menschen mit einer schwierigen Kindheit werden pädophil, dieser Erklärungsversuch wäre zu kurz gegriffen. Allerdings verarbeiten Menschen ihre Erfahrungen sehr unterschiedlich. Die Entstehung einer pädophilen Neigung hat möglicherweise damit zu tun, wie ein Mensch bestimmte Erfahrungen bewältigt. Vielleicht sind pädophile Menschen in mancher Hinsicht empfindlicher als andere, vielleicht können sie bestimmte Erfahrungen nicht so gut wegstecken. Dazu würde die Beobachtung passen, dass viele Pädophile sehr sensible und verletzliche Menschen sind. Möglicherweise fehlen ihnen bestimmte Kompensationsmechanismen, um über belastende Erfahrungen besser hinwegzukommen.

Wir Pädophile sind gefühlsmäßig wohl alle ein Stückchen mehr in unserer Kindheit hängen geblieben als andere Menschen. Das kann aber niemals eine Entschuldigung sein, wenn jemand seine Neigung auslebt. Wir Pädophile müssen uns der Verantwortung für unsere Sexualität stellen wie jeder erwachsene Mensch. Ich bin sicher, für eine verantwortungsvolle Lebensführung ist die Frage nach den Ursachen zweitrangig, denn darauf gibt es nach heutigem Erkenntnisstand keine eindeutige Antwort. Man sollte pragmatisch denken und nach klaren Regeln suchen, wie man als pädophiler Mensch sein Leben verantwortungsvoll gestalten kann. Das scheint mir der einzige Weg zu sein, der uns weiter bringt.

aktualisiert: 02.03.2010