Die Frage nach den Ursachen
Als Betroffener habe mich schon oft gefragt: Wie kommt es dazu, dass ich mich als Erwachsener sexuell zu Kindern hingezogen fühle? Selbst in der Wissenschaft herrscht über diese Frage immer noch große Uneinigkeit. Es gibt Experten, die betonen den prägenden Einfluss biographischer Faktoren, andere weisen auf eine genetische Disposition hin. Als Betroffener fühle ich mich oft sehr verloren, wenn ich die entsprechenden Fachdiskussion verfolge. Es gibt keine einheitliche Sichtweise, von einem allgemein anerkannten Behandlungskonzept ganz zu schweigen. Nur in einem Punkt herrscht weitestgehend Einigkeit: Die wenigsten Fachleute plädieren für eine Legalisierung pädophiler Sexualkontakte.
In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war die Psychoanalyse die dominierende therapeutische Schule. Dort zählt die Pädophilie zu den klassischen Perversionen und wird zumeist auf eine gestörte Mutterbeziehung zurückgeführt, wobei sich die einzelnen Theorien im Detail unterscheiden.1) Frühe psychoanalytische Autoren sprechen z. B. von einer „traumatischen Entwöhnung der Mutterbrust“ 2)3), in den 80er-Jahren sprach der US-amerikanische Psychiater William Glasser von einer Gleichzeitigkeit von Nähebedürfnis und Aggression gegenüber der Mutter.4) In neuerer Zeit hat sich Prof. Wolfgang Berner (Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf) intensiv mit psychoanalytischen Theorien zur Pädophilie beschäftigt. Er geht davon aus, dass sich bei Pädophilen die „Primärbeziehung zur Mutter auf zwanghafte Weise“ wiederholt. Pädophile erzeugen in ihren Kontakten zum Kind demnach ein „Mutter-Kind-Autoritätsmuster“, das einen reziproken Austausch zwischen gleichberechtigten Partnern unmögliche mache.1) In der 90er-Jahren wies Berner außerdem darauf hin, dass bei vielen Pädophilen der Vater als männliche Identifiaktionsfigur gefehlt hätte. Erwachsene Frauen erscheinen dem Pädophilen deshalb Angst machend und übermächtig.5) Auch der österreichische Forensiker Fritz Lackinger verweist auf die „physisch oder psychisch“ abwesenden Väter, die dem Kind wenig Anhaltspunkte bieten, sich aus der „Ambivalenz gegenüber der Mutter“ herauszuziehen.1) Den Mechanismus, der sich daraus ergibt, beschreibt Lackinger mit folgenden Worten:
„Die Mütter/Sexualpartnerinnen werden von Pädophilen dementsprechend als kontrollierend und/oder verschlingend erlebt. Die Mütter erscheinen „riesig“, und dem können diese Patienten nur durch Umkehrung entgehen, indem sie sich kleine, kontrollierbare ,Partner´ suchen.“
(Fritz Lackinger: „Psychoanalytische Überlegungen zur Pädophilie“, Der Psychotherapeut 4/2009, S. 266)
In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts verlor die Psychoanalyse zunehmend an Bedeutung, so dass heute nur noch wenige Fachleute eine rein psychoanalytische Sichtweise vertreten. Einen unerwartet starken Aufschwung erlebte dagegen die Neurobiologie. Hier versucht man, die Entstehung einer pädophilen Präferenz primär auf hirnorganischer Ebene zu erklären. Dabei bedienen sich die Mediziner modernster technischer Verfahren wie der Magnetresonanz- oder Kernspintomographie. Diese Verfahren erlauben ganz neue Einblicke in die Anatomie des menschlichen Gehirns, wie sie bis vor wenigen Jahrzehnten noch gar nicht möglich waren. In den letzten Jahren wurden mehrere Studien veröffentlicht, in denen sich signifikante neurologische Auffälligkeiten bei pädophilen Straftätern feststellen ließen. Aufgrund der uneinheitlichen Befunde und der zu geringen Fallzahlen lassen sich die Ergebnisse aber derzeit noch nicht verallgemeinern. (siehe auch: Ist Pädophilie eine hirnorganische Störung?).
Ein Zusammenspiel vieler Faktoren
Im Widerstreit der therapeutischen Schulen konnte sich bislang keine Sichtweise eindeutig durchsetzen, denn offiziell gilt die Ursache der Pädophilie noch immer als ungeklärt. Die meisten Fachleute geben deshalb eine diplomatische Antwort, wenn sie nach den prägenden Faktoren gefragt werden:
„Pädophilie stellt also eine besondere Ausprägungsform einer sexuellen Präferenz dar, nämlich die sexuelle Ausrichtung auf Kinder. Eine solche sexuelle Ausrichtung ist keine Wahlentscheidung, sondern – nach dem derzeitigen Stand der sexualwissenschaftlichen Kenntnis – das Produkt eines bio-psycho-sozialen Entstehungsprozesses.“
(Ahlers Ch. J., Schaefer G. A., Beier K. M. (2005): „Das Spektrum der Sexualstörungen und ihre Klassifizierbarkeit in DSM-IV und ICD-10.“, Sexuologie 12 (3/4), S. 147)
Ich habe für mich selbst noch keine abschließende Antwort auf die Frage gefunden, warum ich pädophil geworden bin. Der Psychoanalyse stehe ich eher kritisch gegenüber, auch wenn ich die Grundaussagen einer gestörten Mutter- und/oder Vaterbeziehung bis zu einem gewissen Grad nachvollziehen kann Ebenso wenig glaube ich, dass eine pädophile Ausrichtung rein genetisch bedingt ist im Sinne eines vorherbestimmten Schicksals. Vorstellen kann ich mir aber, dass es bestimmte, genetisch vorgegebene Persönlichkeitsstrukturen gibt, die im Zusammenspiel mit biographischen Konstellationen die Entstehung einer pädophilen Präferenz begünstigen. Auch einen Zusammenhang mit bestimmten Kindheitserlebnissen halte ich für sehr wahrscheinlich, denn ähnlich wie Berner und Lackinger ist auch mir aufgefallen, dass viele Pädophile eine gestörte Vaterbeziehung hatten und ohne männliches Vorbild aufwachsen mussten. Auffällig ist auch, dass fast alle Pädophilen von sich sagen, sie seien gefühlsmäßig noch stark in ihrer eigene Kindheit verhaftet und hätten es schwer, sich selbst als erwachsene Menschen anzuerkennen. Ebenso berichten viele Pädophile, dass sie sich unter Kindern viel wohler fühlen als unter anderen Erwachsenen. Diese Beobachtung ist auch in der Fachwelt nicht neu. Bereits 1997 schrieb die Sexualtherapeutin Sophinette Becker:
„Pädophile idealisieren auch die Kindheit an sich, nur nicht die eigenen, wozu sie auch meist wenig Anlass haben.“
(Becker S.: „Pädophilie zwischen Dämonisierung und Verharmlosung“, „Werkblatt – Zeitschrift für Psychoanalyse und Gesellschaftskritik“, Nr. 38, 1/1997)
Von daher bin ich sicher: Pädophilie hat immer etwas mit dem geheimen Wunsch zu tun, die eigene Kindheit nachzuholen, mit dem eigenen inneren Kind ins Reine zu kommen. Ich behaupte auch, dass Menschen mit schwieriger oder traumatischer Kindheit haben im Erwachsenenalter ein höheres Risiko, eine pädophile Neigung auszubilden. Das Erklärungsmodell der „schwere Kindheit“ überzeugt für sich allein aber nicht. Schließlich gibt es viele Menschen, die eine schwere Kindheit hinter sich haben, aber längst nicht alle davon werden später pädophil. Allerdings verarbeiten Menschen ihre Erfahrungen sehr unterschiedlich. Die Entstehung einer pädophilen Neigung hat möglicherweise damit zu tun, wie ein Mensch bestimmte Erfahrungen bewältigt. Vielleicht sind pädophile Menschen in mancher Hinsicht empfindlicher als andere, vielleicht können sie bestimmte Erfahrungen nicht so gut wegstecken. Dazu würde die Beobachtung passen, dass Pädophile oft sehr sensible und verletzliche Menschen sind. Möglicherweise fehlen ihnen bestimmte Kompensationsmechanismen, um über belastende Erfahrungen besser hinweg zu kommen. Bei dieser inneren Verletzlichkeit könnte es ich um ein angeborenes Persönlichkeitsmerkmal handeln, so dass hier möglicherweise die genetische Komponente der Pädophilie liegt, auf die auch Ahlers, Beier und Schaefer anspielen (siehe oben).
Pädophilie als Ausdruck einer Bindungsstörung
Was meine eigene Kindheit angeht, so gab es mehrere traumatische Erlebnisse, die mir bis heute zu schaffen machen. Ich bekam wenig Zuwendung. Wenn man mich fragt, was mich in meinem Leben rückblickend am meisten geprägt hat, dann fallen mir zwei entscheidende Verlassenheitserfahrungen ein: Zum einen der Weggang meines Vaters, als ich acht Jahre alt war, dann die Heimeinweisung im Alter von 10 Jahren, als ich auch meine Mutter und meine Schwestern als Bezugspersonen verlor (siehe: Meine Zeit im Kinderheim) Beides waren traumatische Einschnitte, die mein Urvertrauen in die Erwachsenenwelt nachhaltig erschüttert haben. Dauerhafte und verlässliche Bezugspersonen kannte ich als Kind nicht; meine frühen Jahre waren geprägt von Brüchen und ständigen Unsicherheiten. Auch im Jugendalter gab es wenig Konstanz in meinem Leben. Kaum war ich aus dem Heim wieder zurück, musste ich mich wieder in meinem heimischen Umfeld eingewöhnen, das mir inzwischen ebenso fremd geworden war.
Ich schreibe das nicht, um Mitlied zu erhaschen, sondern weil hier möglicherweise ein Schlüssel zum Verständnis meiner Pädophilie liegt. Sexualität hat immer etwas mit Beziehung zu tun; mit der Fähigkeit, sich an einen anderen Menschen zu binden, ihm zu vertrauen und sich auf ihn einzulassen. Was aber ist mit Menschen, die als Kind niemals die Erfahrung einer liebevollen, schützenden und tragenden Beziehung machen konnten? Die von ihren engsten Bezugspersonen (seien es Vater, Mutter oder wer auch immer) auf eine nicht wieder gut zu machende Weise enttäuscht und verlassen wurden? Solche Kinder werden es später sicher haben, sich auf vertrauensvolle und verlässliche Beziehungen zu anderen Menschen einzulassen ‒ weil sie keine Vorstellung davon haben, wie solche Beziehungen überhaupt aussehen können.
Auch in der Missbrauchsforschung gibt es in jüngster Zeit Ansätze, sexuellen Missbrauch mithilfe der Bindungstheorie zu erklären, die bereits in den 40er-Jahren vom britischen Kinderpsychiater John Bowlby (1907 - 1990) in Zusammenarbeit mit der kanadischen Entwicklungspsychologin Mary Ainsworth (1913 - 1999) entwickelt wurde.6) Die Bindungstheorie besagt, dass es zu den elementaren Grundbedürfnissen des Menschen gehört, liebevolle und vertrauensvolle Beziehungen zu seinen Mitmenschen einzugehen. Dieses Bedürfnis ist laut Bindungstheorie angeboren, denn für kleine Kinder sind intensive Bindungen an die Eltern (oder andere primäre Bezugspersonen) lebens- und überlebenswichtig. Sind diese frühkindlichen Bindungen gestört, dann ergeben sich daraus Risikofaktoren für eine ganze Reihe an Entwicklungsstörungen. Sichere und verlässliche Bindungen in der Kindheit sind laut Bindungstheorie eine wichtige Voraussetzung, um später im Erwachsenenalter ebenso stabile Beziehungen einzugehen. Die Bindungstheorie wurde in der Fachwelt lange Zeit wenig beachtet, stieß aber in den vergangenen Jahren wieder auf verstärktes Interesse, da sie plausible Erklärungsmodelle für unterschiedlichste psychische Störungen bietet.
Auch Missbrauchstäter sind nach der Bindungstheorie Menschen mit einem gestörten frühkindlichen Bindungsverhalten. Nach neueren Studien sollen 70 % aller Missbrauchstäter einen ängstlich-vermeidenden Bindungsstil aufweisen.7) Heyden und Jarosch beschreiben sexuelles Missbrauchsverhalten als „Ausdruck einer Bindungsstörung“, als „eine Form von (unangemessener) Kontaktaufnahme sozial inkompetenter Menschen.“ 7) Diese Aussagen gelten zwar ausdrücklich Missbrauchstätern und nicht den straffrei lebenden Pädophilen, trotzdem meine ich, dass auch die bloße pädophile Präferenz etwas mit missglückten Bindungserfahrungen in der Kindheit zu tun haben könnte. Vor dem Hintergrund meiner eigenen Kindheit erscheint mir diese Theorie aus der Vielzahl aller Erklärungsmodelle immer noch die plausbilste. Pädophile wären demnach bindungsgestörte Menschen, die als Kind nie die Erfahrung einer schützenden und liebevollen Beziehung machen konnten. Die Erfahrungen einer liebevollen Bindung ist aber die Voraussetzung für eine glückliche und zufriedene Erwachsenensexualität, so die Bindungstheorie. Da Pädophilen diese elementare Voraussetzung zur Erwachsenensexualität fehlt, bleiben sie in der Gefühlswelt der Kindheit hängen, in der ihre elementaren Bedürfnisse nach Bindung und Sicherheit nicht erfüllt wurden.
Die Ursache bleibt ungeklärt
Es gibt Pädophile, die von sich sagen, sie hätten eine glückliche Kindheit gehabt. Sie werden die Theorie der gestörten Bindung womöglich zurückweisen und für sich selbst zu anderen Ergebnissen kommen. Das ist legitim, denn es gibt ohnehin nicht die Pädophilie als einheitliches Störungsbild, sondern immer nur den einzelnen Pädophilen mit seinem ganz individuellen Schicksal. Von daher wäre es denkbar, dass es gar keine alleinige Ursache gibt, die zur Entstehung einer pädophilen Ausrichtung führt. Möglicherweise gibt es ganz verschiedene Biographien und Rahmenbedingungen, die am Ende alle zu dem Ergebnis führen können, das sich jemand sexuell zu Kindern hingezogen fühlt. Auch in der Bindungstheorie herrscht Einigkeit, dass bestimmte Bindungsstörungen nicht zwangsläufig zu einheitlichen Symptomen führen müssen, sondern sich bei einzelnen Menschen ganz individuell auswirken können.7) Eine mögliche Auswirkung einer gestörten frühkindlichen Bindung könnte die Ausbildung sexueller Präferenzstörungen sein, zu denen auch die Pädophilie gehört.
Vorerst werden wir ‒ sowohl die Betroffenen als auch die Fachleute ‒ damit leben müssen, dass sich die Frage nach den Ursachen einer pädophilen Ausrichtung nicht eindeutig beantworten lässt. Sicher scheint jedenfalls, dass wir Pädophile wohl alle ein Stückchen mehr in unserer Kindheit hängen geblieben sind als andere Menschen. Das kann aber niemals eine Entschuldigung sein, wenn jemand seine Neigung auslebt. Wir Pädophile müssen uns der Verantwortung für unsere Sexualität stellen wie jeder erwachsene Mensch. Ich bin sicher, für eine verantwortungsvolle Lebensführung ist die Frage nach den Ursachen zweitrangig, denn darauf gibt es nach heutigem Erkenntnisstand keine eindeutige Antwort. Man sollte pragmatisch denken und nach klaren Regeln suchen, wie man als pädophiler Mensch sein Leben verantwortungsvoll gestalten kann. Das scheint mir der einzige Weg zu sein, der uns weiter bringt.
Literatur:
1) Lackinger F. (2009): „Psychoanalytische Überlegungen zur Pädophilie“, Der Psychotherapeut 4/2009
2) Cassity J. H. (1927) :„Psychological consideration of pedophilia“, Psychoanalytical Review No. 14
3) Hadley C (1926): „Comments on pedophilia“, in: Medical Journal and Record, August 4, 1926,
4) Glasser M (1988) „Psychodynamic aspects of paedophilia“,Psychoanalytic Psychotherapy 3(2)
5) Berner W (1993): „Das Kastrationsthema bei der Pädophilie“, Zeitschrift für Psychoanalytische Theorie und Praxis 8 (4), 1993
6) Uni Bielefeld: Theorie der Bindung
7) Heyden S., Jarosch K.: „Missbrauchstäter. Phänomenologie – Psychodynamik – Therapie“, Schattauer, Stuttgart 2009, S. 193

