Kann ich verhindern, dass mein Kind pädophil wird?
Angeregt zu dieser Frage wurde ich durch einen Artikel aus dem „Bundesgesundheitsblatt“, einer wissenschaftlichen Monatszeitschrift für gesundheitspolitische Themen. Die Ausgabe vom Januar 2007 widmet sich ganz dem Thema Sexualmedizin. Dort fand ich einen Artikel mit dem Titel „Störung der Sexualpräferenz (Paraphilie) – Diagnostik, Ätiologie, Epidemiologie, und präventive Aspekte“ Die Autoren sind Prof. Dr. Wolfgang Berner und Dr. med. Peer Briken. Beide arbeiten als Sexualmediziner am Universitätsklinikum (UKE) in Hamburg.
Berner und Briken umreißen zunächst den derzeitigen Erkenntnisstand über die Entstehung und die heutigen Behandlungsmöglichkeiten sexueller Paraphilien. Auf die spezielle Problematik der Pädophilie wird zwar nur ganz am Rande eingegangen, dafür wirft der Artikel die höchst interessante Frage auf, ob es so etwas wie eine Prophylaxe von Paraphilie geben kann. Ich wurde hellhörig: Kann man die sexuellen Vorlieben eines Menschen in eine ganz bestimmte Richtung lenken? Oder anders ausgedrückt: Kann man verhindern, dass ein Mensch eine bestimmte Art von sexueller Vorliebe entwickelt? Kann man sogar verhindern, dass jemand pädophil wird?
Die Prophylaxe von Pädophilie– ist sie überhaupt möglich?
Nach heutigem Erkenntnisstand geht man davon aus, dass es eine Vielzahl an Faktoren gibt, die dafür verantwortlich sind, wie sich die sexuelle Präferenz eines Menschen entwickelt. Dabei geht man von einem individuellen Zusammenspiel biologischer, psychologischer und psychosozialer Faktoren aus. (vergl. Die Frage nach den Ursachen) In welcher Weise und in welcher Gewichtung diese Faktoren zusammenwirken, gilt bis heute als unbekannt. Soweit nichts Neues. Was aber bedeutet das für die Chancen einer eventuellen Prophylaxe sexuell abweichender Empfindungen? Wenn man davon ausgeht, dass es in erster Linie genetische Faktoren sind, durch die sich die sexuelle Präferenz eines Menschen bestimmt, dann ist eine Vorbeugung bzw. ein Gegensteuern kaum möglich. Dann wäre die sexuelle Vorliebe eines Menschen tatsächlich eine rein schicksalhafte Angelegenheit, die früher oder später ihre natürliche Erfüllung finden müsste. Wenn man dagegen die psychosozialen bzw. lebensgeschichtlichen Faktoren als dominierend ansieht, dann müsste es sehr wohl möglich sein, die sexuelle Entwicklung eines Menschen in bestimmte Bahnen zu lenken bzw. eine bestimmte Art von Entwicklung zu verhindern. Zumindest theoretisch.
Die eigentliche Sexualpräferenz wird zwar erst nach Abschluss der Pubertät festgelegt, einig ist man sich aber, dass der Grundstein für die spätere psychosexuelle Entwicklung bereits in der frühesten Kindheit gelegt wird. Die Art und Weise, wie man als kleines Kind Nähe und Körperkontakt zu den Eltern erlebt, ob und in welcher Weise die Eltern eine liebevolle Beziehung zu ihrem Kind aufbauen – all diese Dinge sind vorentscheidend dafür, wie ein Mensch im Erwachsenenalter mit Intimität und körperlicher Nähe umgeht. Auch die Art und Weise, wie ein Kind die Beziehung zu den Eltern erlebt, ist von großer Bedeutung. Ein Kind, das z. B. oft geschlagen wird (und dies möglicherweise als die einzige Form von Zuwendung erlebt), wird mit großer Wahrscheinlichkeit sadistische oder masochistische Tendenzen entwickeln. Bei der Pädophilie spielt es sicherlich ebenfalls eine Rolle, ob man sich früher als Kind geliebt und angenommen gefühlt hat. Die Verantwortung der Eltern für die spätere sexuelle Entwicklung ihrer Kinder ist also enorm groß. Will man die sexuelle Präferenz eines Menschen also in irgend einer Weise beeinflussen, dann muss man bereits in frühester Kindheit damit anfangen. Berner und Briken schreiben hierzu:
„Eigentlich ergeben sich prophylaktische Maßnahmen zur Verhinderung der Entwicklung ernster Präferenzstörungen aus den bisherigen Ausführung von selbst. Zuerst zu nennen sind Maßnahmen, die die Bindungsfähigkeit (im Sinne eines positiven Attachments) von Kindern fördern und stützen sowie Maßnahmen, die verhindern, dass Kinder Opfer von Missbrauch und Misshandlungen werden. Bindungsunfähigkeit und eigener Missbrauch fördern das spätere Vermeiden von Intimität und die Tendenz, selbst zu missbrauchen oder Missbrauch zu fördern.“
(Berner / Briken 2007: „Störung der Sexualpräferenz (Paraphilie) – Diagnostik, Ätiologie, Epidemiologie, und präventive Aspekte“ in: Bundesgesundheitsblatt Vol. 50, Nr.1, S. 33-43)
Dass Menschen, die in ihrer eigenen Kindheit sexuelle Gewalt erlebt haben, später kaum in der Lage sind, eine „normale“ Sexualität zu erleben und dementsprechend eher zu sexuellen Paraphilien neigen, ist seit langem bekannt. Von daher ist nur folgerichtig, wenn man die Prävention von sexueller Gewalt gleichzeitig auch als eine Art von „Paraphilie-Prävention“ betrachtet. Auf diesen Zusammenhang sollte man auch deutlich hinweisen. Im Hinblick auf die Prävention von sexueller Gewalt ist in den letzten Jahren unheimlich viel passiert. Es gibt zwar immer noch eine Menge zu tun, aber diesbezüglich befindet sich unsere Gesellschaft ganz sicher auf dem richtigen Weg. Die Bindungsfähigkeit von Kindern zu fördern, dürfte sich dagegen als das schwierigere Unterfangen erweisen. Hier kommt es sehr stark darauf an, inwieweit die Eltern selbst bindungs- und beziehungsfähig sind, denn Kinder lernen durch Vorbilder und positives Beispiel. Weiter schreiben Berner und Briken:
„Mit einfachen Ratschlägen für Eltern ist es wohl nicht getan, eher mit Achtsamkeit gegenüber dem Kind, Respekt vor seiner Eigenständigkeit, seinen Empfindungen und Bedürfnissen, die ebenso maßvoll zufriedenzustellen wie zu begrenzen sind.“
(Berner / Briken 2007: „Störung der Sexualpräferenz (Paraphilie) – Diagnostik, Atiologie, Epidemiologie, und präventive Aspekte“ in: Bundesgesundheitsblatt Vol. 50, Nr.1, S. 33-43)
Dieser Satz scheint genau das zu bestätigen, was ich schon immer gesagt habe: Kinder mit Respekt und Achtung zu behandeln, ihnen Liebe und Geborgenheit zu geben, ist immer noch die wichtigste Voraussetzung, damit sie sich zu psychisch gesunden Erwachsenen entwickeln können. Kann man also verhindern, dass ein Kind später im Erwachsenenalter pädophile Neigungen entwickelt? Theoretisch vielleicht schon, aber wer von einer systematischen Präventionskampagne träumt, die sich auch praktisch durchführen lässt, der kann nur enttäuscht werden. Das Problem ist: Wir leben nicht in einer Traumwelt, die jedem Kind die optimalen Startbedingungen bieten kann, die es für seine weitere Entwicklung braucht. Davon abgesehen wird es auch immer Menschen geben, die sensibler auf bestimmte Umweltbedingungen reagieren als andere; die durch Ereignisse oder Lebensbedingungen zu traumatisieren sind, die andere ohne nennenswerte Folgen wegstecken können. Die gezielte Prävention zur Verhinderung sexueller Paraphilien wird daher wohl auch auf lange Sicht eine Utopie bleiben.
Vermeidung von Risikofaktoren
Als Elternteil kann man aber bestimmte Risikofaktoren vermeiden: Sexueller Missbrauch, körperliche und seelische Misshandlung, emotionale Verwahrlosung, mangelnde Zuwendung, Lieblosigkeit und alles, was man in einer verantwortungsvollen Erziehung ohnehin vermeiden sollte. Ein liebevoller und achtsamer Umgang mit dem Kind, dazu eine verantwortungsvolle, ausgewogene Erziehung – das sind nach menschlichem Ermessen die besten Voraussetzungen, um dem Kind eine gesunde Sexualentwickung zu ermöglichen. Eltern und Pädagogen, die sich danach richten, können für mein Dafürhalten nicht viel falsch machen. Aber auch hier stellt sich schnell die Frage: Wie groß ist die Schere zwischen Anspruch und Wirklichkeit? Wie viele Eltern sind – auch aufgrund gesellschaftlicher Rahmenbedingungen – überhaupt in der Lage, ein solches Erziehungsideal zu gewährleisten?
Pädophil empfindende Menschen wird es wahrscheinlich immer geben; einfach deshalb, weil es immer Menschen gibt, die aufgrund einer genetischen bzw. charakterlichen Disposition dafür anfällig sind. Theoretisch sollte es zwar möglich sein, durch eine besonders aufmerksame und verantwortungbewusste Erziehung dafür zu sorgen, dass diese Disposition sich später nicht manifestiert, aber solch eine bewusste Gegensteuerung ist der Idealfall, den man in der Realität kaum voraussetzen kann. Erziehung und Sozialisation sind hochkomplexe Prozesse mit ungeheuer vielen Wechselwirkungen und Querverbindungen, die sich in ihren Auswirkungen nie exakt vorhersagen lassen. Niemand kann ausschließen, dass eine genetische Disposition nicht in irgend einer Form zum Tragen kommt, auch wenn man alles Menschenmögliche getan hat, um dies zu verhindern. Die Überlegung, der Entstehung von Pädophilie und anderen Paraphilien durch eine besonders aufmerksame Erziehung entgegen zu steuern, wird sich in der Realität wohl niemals vollständig umsetzen lassen.
Davon abgesehen wissen alle, unter welch erbärmlichen Bedingungen Kinder teilweise aufwachsen müssen – mitten unter uns im hoch zivilisierten Deutschland. Es gibt etliche Kinder, die emotional vernachlässigt werden; einige davon haben niemals Liebe und Zuwendung erfahren. Von der erschreckend hohen Zahl an Kindern, die immer noch körperlich oder sexuell misshandelt werden, ganz zu schweigen. Solche Zustände weisen die Vorstellung einer groß angelegten Paraphilie-Prophylaxe wohl endgültig ins Reich der Utopien. Dennoch sollte man die bisherigen Erkenntnisse sehr ernst nehmen, denn wer wünscht sich nicht für sein Kind, dass es später eine erfüllte und glückliche Sexualität erleben kann? Eine gestörte Sexualpräferenz ist für den Betroffenen oft mit einem großen Leidensdruck verbunden. Bei bestimmten Paraphilien (insbesondere der Pädophile) kommt noch dazu, dass sie potentiell fremdgefährdend sind. Von daher sollten Eltern von Anfang an alles tun, um ihrem Kind eine gesunde Sexualentwicklung zu ermöglichen. Die sexuelle Entwicklung hängt zwar von vielen Faktoren ab, aber mit Sicherheit kann man von frühester Kindheit dazu beitragen, dass ein Mensch später zu einer erfüllten und glücklichen Sexualität in der Lage ist.
Die Bedeutung der Väter
Unter Die Frage nach den Ursachen habe ich es bereits angedeutet: Nach meinen Beobachtungen sind viele Pädophile ohne Vater aufgewachsen oder hatten zumindest eine schwer gestörte Beziehung zu ihren Vätern. Diese persönliche Beobachtung wird auch durch Aussagen aus der Fachliteratur bestätigt.1) Vielen Pädophilen fehlte ein positiv besetztes männliches Vorbild, so dass sie nie gelernt haben, was es heißt, sich als erwachsener Mann zu fühlen und als solcher seinen Platz in der Welt zu finden. Innerlich sind sie immer der kleine Junge geblieben, da sie niemanden hatten, an dem sie sich orientieren konnten. Natürlich gibt es in unserer Gesellschaft vergleichsweise viele Jungen, die ohne Vater aufwachsen. Wenn alle davon pädophil werden, dann hätten wir ein echtes Problem. Der fehlende Vater allein reicht also als Erklärung nicht aus.
Vielleicht hängt es damit zusammen, welche Möglichkeiten ein Junge hat, den fehlenden Vater zu kompensieren. Der eine hat vielleicht andere Männer in der Familie oder im Freundeskreis, die ihm ein männliches Vorbild sein können. Andere Jungs orientieren sich an ihren gleichaltrigen Freunden und wachsen auf diese Weise in die Männerwelt hinein. Sehr viel schwerer haben es allerdings Jungen, die z. B. sehr schüchtern sind und ohnehin wenig Kontakte zu Gleichaltrigen haben. Wenn dann auch noch in der Familie keine männliche Bezugsperson da ist, die den Vater ersetzen kann, haben es solche Jungs sehr schwer. Dieser Umstand kann möglicherweise (im Zusammenwirken mit anderen Faktoren) die Entstehung einer pädophilen Neigung begünstigen. Diese Überlegungen möchte ich aber ausdrücklich als meine persönliche Theorie kennzeichnen.
Trotzdem möchte ich die Väter ausdrücklich ermutigen: Kümmert auch um eure Kinder, und ganz besonders um eure Söhne! Sie brauchen euch als männliches Vorbild, an dem sie sich orientieren können. Nehmt euch die Zeit, etwas mit ihnen zu unternehmen, mit ihnen zu reden und ihnen zuzuhören. Auch das mindert mit Sicherheit das Risiko, dass sich im Erwachsenenalter eine pädophile Präferenz manifestiert. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie wichtig es für einen Jungen ist, einen Vater zu haben, der für ihn da ist. Als Kind hatte ich nur sehr wenig von meinem Vater und hätte mich sehr gefreut, wenn ich ein bisschen mehr von ihm gehabt hätte.
Zusammenfassend lässt sich sagen: Überlegungen zu einer möglichen Prophylaxe von Pädophilie (und anderen Paraphilien) gibt es durchaus. Eine solche Prophylaxe muss bereits in der Kindheit ansetzen, für eine spätere Korrektur ist es zu spät. Die Verhaltensratschläge, die man Eltern und Pädagogen mitgeben kann, sind im Großen und Ganzen deckungsgleich mit Grundsätzen einer verantwortungsvollen Erziehung: Kinder müssen sich mit ihren Gefühlen, Ängsten und Sorgen jederzeit ernst genommen fühlen. Sie brauchen die Gewissheit, dass die Eltern immer für sie da sind, dass sie niemals allein gelassen werden. Die viel beschworene „glückliche Kindheit“ gibt es zwar nur im Bilderbuch, aber man kann dafür Sorge tragen, dass Kinder die Liebe und Zuwendung bekommen, die sie für ihre gesunde Entwicklung unbedingt brauchen. Ein systematisches Präventionsprogramm zu entwickeln dürfte aber kaum möglich sein, denn das würde gesellschaftliche Rahmenbedingungen erfordern, die auch auf längere Sicht nicht zu erwarten sind, zumal die genauen Zusammenhänge, die zur Entstehung sexueller Präferenzabweichungen führen, immer noch unbekannt sind. Dadurch sind präventive Überlegungen lediglich im Sinne einer Risikominimierung zu verstehen. Es ist wie bei anderen Krankheiten auch: Man kann nie ausschließen, dass jemand einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall erleidet, aber man kann bestimmte Risikofaktoren vermeiden.
Noch etwas ist deutlich geworden: Die Pädophilie-Prophylaxe (so es sie denn jemals geben wird) liegt nicht nur in der Verantwortung der Eltern, sondern in der Verantwortung der ganzen Gesellschaft. Eine Gesellschaft, die die Bedürfnisse der Kinder z. T. systematisch missachtet, die es zulässt, dass Kinder geschlagen, misshandelt und gequält werden, eine solche Gesellschaft darf sich nicht wundern, wenn diese Kinder später sexuelle Auffälligkeiten der unterschiedlichsten Art entwickeln. Wir werden wohl nie verhindern können, dass Menschen sexuell abweichende Erlebens- und Verhaltensmuster entwickeln. Wahrscheinlich wird es auch immer Menschen geben, die sich sexuell zu Kindern hingezogen fühlen. Trotzdem lohnt es sich, darüber hinaus auch den Gedanken einer möglichen Prophylaxe aufzugreifen und weiter in dieser Richtung zu forschen.
Aber nicht nur die Sexualforscher, auch jeder Einzelne kann etwas tun. Versuchen wir doch einfach, eine kinderfreundliche Gesellschaft zu werden. Eine Gesellschaft, in der Kinderfreundlichkeit nicht nur ein feierliches Schlagwort ist, sondern ein real gelebter ethischer Wert, den man nicht bei jeder Gelegenheit anmahnen und betonen muss. Eins geht aus der Publikation von Berner und Briken eindeutig hervor: Kinder, die in Liebe und Geborgenheit aufwachsen, die mit ihren Bedürfnissen ernst genommen werden, solche Kinder haben die besten Chancen auf eine gesunde sexuelle Entwicklung – und ein sehr viel geringeres Risiko, im Erwachsenenalter an sexuellen Paraphilien zu leiden. Respekt und Achtung vor Kindern – das ist die wahrscheinlich beste Pädophilie-Prophylaxe, die es überhaupt geben kann.
Literatur:
Beobachtungen über den Zusammenhang zwischen Pädophilie und einer gestörten Vaterbeziehung finden sich u. a. in folgenden Publikationen:
1) Lackinger F (2009): „Psychoanalytische Überlegungen zur Pädophilie“, Der Psychotherapeut 4/2009
2) Berner W (1993): „Das Kastrationsthema bei der Pädophilie“, Zeitschrift für Psychoanalytische Theorie und Praxis 8 (4), 1993
3) Karremann M: „Es geschieht am hellichten Tag ‒ die verborgene Welt der Pädophilen und wie wir unsere Kinder vor Missbrauch schützen“, Köln 2007

