Was ist Erziehung?
Wo immer sich Erwachsene über Kinder unterhalten, steht das Thema Erziehung sehr schnell im Mittelpunkt. Immer wieder wird die Frage aufgeworfen, wie Kinder zu erziehen sind und welche Form von „Erziehung“ die vermeintlich beste ist. Auf einen einheitlichen Nenner kommt man dabei nur selten, was auch daran liegt, dass es bis heute keine einheitliche Definition von Erziehung gibt. Der Begriff „Erziehung“ wird auch in der Fachwelt höchst unterschiedlich und teilweise sogar widersprüchlich beschrieben. Nehmen wir als Beispiel die Definition nach Hurrelmann und Bründel:
„`Erziehung´ bezeichnet alle gezielten und bewussten Einflüsse auf den Bildungsprozess. Als Erziehung werden die Handlungen bezeichnet, durch die Menschen versuchen, auf die Bildung und die Persönlichkeitsentwicklung anderer Menschen Einfluss zu nehmen, um diese nach bestimmten Zielvorstellungen zu steuern. Erziehung bezeichnet damit den Teil der Persönlichkeitsentwicklung, der bewusst geplant und absichtlich gesteuert wird.“
(Klaus Hurrelmann / Heidrun Bründel: „Einführung in die Kindheitsforschung“, Beltz Verlag, Weinheim, Basel, Berlin 2003, S. 13)
Nach dieser Definition dürfte es kaum möglich sein, auf jegliche Form von Erziehung verzichten. Man wird Kinder immer in die eine oder andere Richtung gezielt beeinflussen müssen, anders ist es gar nicht möglich, sie in ihrer Persönlichkeitsentwicklung voranzubringen. Insofern halte ich auch den Anspruch der Antipädagogik, auf jede Form von Erziehung zu verzichten, von vornherein für unsinnig. Sehen wir uns einen weiteren Erziehungsbegriff an, und zwar den von Erich Fromm. Obwohl Fromm sich nur am Rande mit pädagogischen Fragen beschäftigte, findet man bei ihm eine erstaunlich optimistische Erziehungsdefinition:
„Erziehen bedeutet, dem Kind zu helfen, seine Möglichkeiten zu realisieren. (Das englische Wort `education´ = Erziehung kommt vom lateinischen `re-ducere´, was wörtlich soviel bedeutet wie `herausführen´oder `etwas herausbringen´, was potenziell bereits vorhanden ist.) Das Gegenteil von Erziehung ist Manipulation, bei welcher der Erwachsene nicht an die Entwicklungsmöglichkeiten des Kindes glaubt und überzeugt ist, daß das Kind nur dann zu einem ordentlichen Menschen wird, wenn er ihm das, was er für wünschenswert hält, einprägt und alles unterdrückt, was ihm nicht wünschenswert scheint.“
(Erich Fromm: „Die Kunst des Liebens“, dtv, München 1995, S. 193)
Der Anspruch von Fromm ist ehrenwert, aber auch sehr idealistisch, denn niemand wird abstreiten, dass die Wirklichkeit oft ganz anders aussieht. Nur wenige Eltern und Pädagogen können einen solch hohen Anspruch konsequent erfüllen. Die Definitionen von Hurrelmann/Bründel und Fromm wiedersprechen sich genau genommen. Während Hurrelmann und Bründel die manipulative Komponente (im Sinne von bewusster, absichtlicher Beeinflussung) ausdrücklich eingestehen, sieht Fromm die Begriffe Erziehung und Manipulation ausdrücklich als Gegensatz. Fromm lässt nur solche Einwirkung als erzieherisch gelten, die das Kind in seiner Persönlichkeitsentwicklung positiv beeinflussen. Bei Hurrelmann und Bründel wird dagegen nicht zwischen förderlichen und schädigenden Einwirkungen unterschieden. Der Erziehungsbegriff von Hurrelmann und Bründel ist in seiner wertneutralen Fassung sicherlich sehr viel realistischer, während Fromm eher von einem moralischen Anspruch bzw. einem Ideal ausgeht.
Kritik am Erziehungsbegriff
Auch wenn es heute einigermaßen menschenfreundliche Begriffe von Erziehung gibt, bleibe ich sehr skeptisch gegenüber dem traditionellen Erziehungsbegriff, denn ich bin überzeugt: Kinder brauchen keine Erziehung im traditionellen Sinn. Sie brauchen aufmerksame Zuwendung mit viel Liebe, Wärme, Geborgenheit und Verständnis – nur so können sie sich gesund entwickeln und ein Grundvertrauen in ihre Mitmenschen entwickeln. Vor allem aber brauchen Kinder Vorbilder; glaubhafte und authentische Erwachsene, die ihnen Werte unmittelbar vorleben. Was sie nicht brauchen, sind Erwachsene, die sich über sie erheben, die einfach nur Gehorsam einfordern und Regeln aufstellen, die nicht hinterfragt werden dürfen. Genau das wird aber bis heute immer noch propagiert, auch wenn man es auf den ersten Blick nicht mehr so eindeutig erkennbar ist. In modernen Erziehungskonzepten räumt man Kindern heute zwar schon viele Mitspracherechte ein, häufig sind es aber nur Scheinrechte. Das letzte Wort liegt immer noch bei den Erziehungsberechtigten, sie können jede noch so konstruktive Diskussion jederzeit abbrechen mit dem Hinweis auf ihre alleinige Verantwortung. Auch in den heutigen pädagogischen Theorien sind Kinder den Erziehungsberechtigten in letzter Konsequenz immer noch bedingungslos untergeordnet.
Erziehung ist letztendlich immer gekennzeichnet von der Subjektivität elterlicher Entscheidungen. Das geht bis hin zu befehlsartigen Anordnungen und willkürlichen Verboten. Es gibt in der Regel keine objektive Instanz, die die Sinnhaftigkeit elterlicher Entscheidungen überprüft. Die Kinder sind der Subjektivität ihrer Eltern und Erzieher hilflos ausgeliefert. Es herrscht zumeist ein starres Hierarchiegefälle, dass die Persönlichkeit des Kindes zu erdrücken droht. Die Gefahr, dass Kinder sich ihren Eltern ohnmächtig und hilflos ausgeliefert fühlen, ist sehr groß. Lebenslange Traumatisierungen können die Folge sein. Der Fehler vieler pädagogischen Theorien ist, dass sie die Erziehungsberechtigten idealisieren und verklären. Es wird axiomatisch davon ausgegangen, dass Eltern und Erzieher immer reif, immer verantwortungsbewusst seien und stets im objektiven Interesse ihrer Kinder handelten. Ich bin überzeugt, dass es sich hier um eine Idealisierung handelt, die mit der Wirklichkeit nicht viel zu tun hat.
Eltern und Erzieher sind nun einmal keine objektiven Instanzen, sondern Menschen mit Fehlern und Schwächen, die oft auch emotional und impulsiv reagieren. Eltern handeln keineswegs immer nur im Interesse ihrer Kinder, auch wenn die pädagogischen Theorien wie auch die Gesetzgebung offenbar davon ausgehen. Natürlich weiß ich, dass es auch verantwortungsbewusste Eltern gibt. Keinesfalls möchte ich Eltern pauschal diffamieren, aber Kinder können es sich nun einmal nicht aussuchen, ob sie gute oder schlechte Eltern haben. Hier wäre es dringend an der Zeit, die übermächtige und unverrückbare Vormachtstellung der Erziehungsberechtigten ein wenig zu lockern. Ich bin mir sicher, wenn Kinder der Willkür der Eltern nicht mehr so hilflos ausgeliefert wären, dann könnten sie sehr viel freier, vor allem angstfreier aufwachsen. Dies soll natürlich nicht bedeuten, dass Kinder nicht trotzdem eine liebevolle Beziehung zu ihren Eltern bräuchten, aber sie wären ihnen dann nicht mehr so hilflos ausgeliefert. Die Beziehung zu den Eltern wäre angstfreier und entspannter, Eltern und Kinder würden bestimmt gleichermaßen davon profitieren. Auf dieser Basis könnte man auch im pädagogischen Sinn viel konstruktiver arbeiten, denn Angst und Ohnmacht waren noch nie ein guter Ratgeber, um Menschen in ihrer Entwicklung zu fördern.
Die historische Last
Es gibt noch einen anderen Grund, warum ich dem Begriff „Erziehung“ ablehne: Er ist historisch unsagbar schwer belastet. Wer sich mit der Geschichte von Pädagogik und Erziehung beschäftigt, wird sehr schnell feststellen, dass man es hier über weite Strecken mit einer Geschichte der Gewalt zu tun hat. Was Kindern im Namen von „Erziehung“ und „Disziplin“ mitunter schon alles angetan wurde, sprengt beinahe jede Vorstellungskraft. Sadismus und brutale Unterdrückung hatten seit jeher ihren festen Platz in der Erziehung von Kindern. Diese historische Erblast, die mit dem Begriff Erziehung verbundenen ist, wiegt so schwer, dass sie kaum jemals wieder wiedergutzumachen sein wird. Ich wünsche mir, dass die Pädagogik hier den Mut hätte, mit ihrer Geschichte zu brechen. Respekt und Achtung gegenüber Kindern und Jugendlichen sollten es eigentlich verbieten, dieses historisch so schwer belastete Wort heute immer noch zu verwenden, wenngleich ich zugeben muss, dass es sehr schwer ist, eine geeignete Alternative zu finden. Es gibt in der deutschen Sprache kein anderes Wort, dass den gleichen Sachverhalt menschenfreundlicher auszudrücken vermag.
Trotzdem sollte man versuchen, den Sachverhalt der Erziehung langfristig durch andere, historisch weniger belastete Begriffe zu umschreiben. Vorstellen könnte ich mir z. B. Bezeichnungen wie „Betreuung“ oder „Begleitung“, wie sie schon Alice Miller vorgeschlagen hat. Beide Begriffe sind historisch nicht so schwer belastet und hören sich viel menschenfreundlicher an. Vielleicht könnten sie sogar für einen grundlegenden Mentalitätswechsel zu sorgen: Der Schwerpunkt läge dann nicht mehr auf gezielter Einflussnahme (Manipulation), sondern auf Anteilnahme, Zuwendung und aufrichtigem Interesse. Der Erwachsene ist für das Kind da, er gibt ihm Halt und setzt notfalls auch Grenzen, wo sie gerechtfertigt sind. Er hat aber nicht mehr den Anspruch, sich über das Kind zu erheben, es zu beherrschen und ihm seinen Willen aufzuzwingen. Aus der einseitigen Einflussnahme wird eine wechselseitige Beziehung, in der jeder den Anderen ernst nimmt.
Das entspräche im Ergebnis etwa dem, was Fromm so optimistisch unter Erziehung verstanden hat. Trotzdem halte ich persönlich das Wort „Erziehung“ heute für kaum noch geeignet, einen positiven und wertschätzenden Umgang mit Kindern zu beschreiben. Leider geht der Trend in den letzten Jahren wieder in genau die andere Richtung. Gerade die Medien haben das Thema Erziehung für sich entdeckt und schlachten es oft in extrem einseitiger Weise aus. Da wird eine höchst komplexe Problematik immer wieder auf griffige Schlagworte wie „Grenzen setzen“, „Mut zur Erziehung“ oder das Motto von der „Rückkehr zur Strenge“ reduziert. Viele tatsächliche oder vermeintliche Experten melden sich zu Wort, die diesen Trend auch noch unterstützen. Ich habe den Eindruck, die Pädagogik hat sich hier noch nicht kritisch genug mit ihrer eigenen Geschichte auseinander gesetzt. Bei allen unbestreitbaren Problemen, mit denen viele Familien heutzutage zu kämpfen haben: Wer denkt an all jene Menschen, die bis heute zum Teil unsäglich unter erzieherischen Praktiken leiden mussten? Wer nimmt ihre Gefühle und ihre Verletztheit wahr? Ich wünsche mir hier ein wenig mehr Instinkt: Warum werden nicht mit der gleichen Beharrlichkeit auch die Rechte der Kinder angemahnt?
Die dunklen Seiten von Erziehung
Am Selbstverständnis der meisten erzieherischen Haltungen bemängele ich, dass man in der Regel nicht bereit ist, das traditionelle Dogma der allumfassenden elterlichen Fremdbestimmung auch einmal in Frage zu stellen. Die Geschichte der Erziehung ist zu weiten Teilen eine Geschichte der Dogmen und der unreflektierten Traditionspflege. Bis heute ist man der Meinung, dass Kinder grundsätzlich nicht in der Lage seien, über wichtige Dinge in ihrem Leben allein und eigenverantwortlich zu entscheiden. Für kleine Kinder trifft das größtenteils bestimmt auch zu, das Problem ist aber: In der Erziehung gesteht man auch älteren Kindern und Jugendlichen kaum einen höheren Spielraum an Eigenverantwortung zu. Auch bei ihnen geht man davon aus, dass wichtige Entscheidungen immer noch die Erwachsenen treffen müssten. Die tatsächliche Selbstbestimmung bleibt auf enge Bereiche begrenzt. Viele Anhänger der traditionellen Erziehung sind kaum bereit, ihre verhärteten Positionen zu überdenken und Offenheit für neue Ideen zu zeigen.
In vielen pädagogischen Richtungen ist man der Meinung, man müsse Kindern nahezu sämtliche Verantwortung abnehmen. Die Erwachsenen müssten die gesamte Persönlichkeitsentwicklung des Kindes bis in die privatesten Angelegenheiten hinein steuern und lenken, notfalls auch mit Hilfe von Druck und Zwang. Man geht davon aus, dass auch solche Maßnahmen, die dem Kind gegen dessen Willen aufgezwungen werden, stets zum objektiven Wohl des Kindes erfolgen. Das Kind sei hingegen nicht in der Lage, seine wahren Bedürfnisse zu erkennen. Dies könnten ausschließlich die Erwachsenen. Das Kind wird auf ein passives, zu erziehendes und zu beschützendes Objekt reduziert. Dieser Objektstatus ist es, den die Antipädagogen zu Recht immer wieder kritisieren. Gemeinhin wird vorausgesetzt, dass die Eltern und andere für ein Kind verantwortliche Personen immer genau wüssten, was in welcher Situation gut und richtig für das Kind ist. Auf die Meinung und die Wünsche des Kindes wird dabei häufig keine Rücksicht genommen. Der subjektive Elternwille wird zum alleinigen Maßstab erklärt. Die Gefühle des Kindes werden dabei oft übergangen und ignoriert, häufig wird ihnen noch nicht einmal ein Wert beigemessen.
In der Erziehung hat man oft sehr strenge Vorstellungen davon, wie die familiären Rollen von Eltern und Kindern auszusehen hätten. Es herrscht ein streng hierarchisches Denken vor, so dass die Familie zu einer Art autoritärer Mikrogesellschaft innerhalb eines demokratischen Gemeinwesens wird. Dies sehe ich als einen höchst problematischen Zwiespalt, denn wie soll man Kindern Grundwerte wie Freiheit, Demokratie und Gleichberechtigung nahe bringen, wenn sie in der Familie der absoluten Autorität ihrer Eltern ausgeliefert sind? Die Pädagogik sollte hier zu einem neuen, zeitgemäßen Selbstverständnis finden. Das betrifft vor allem auch den Bereich des Familienrechts im Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB). Ich finde es erschreckend, welch absolutistischen Vormachtsanspruch das aktuelle Familienrecht den Eltern immer noch einräumt.
Meine Charakterisierung der Erziehung mag vielleicht ein bisschen überspitzt erscheinen. Dennoch sind die beschriebenen Grundmuster vorhanden und werden im Allgemeinen nur selten hinterfragt. Bei aller scharfen Kritik am Erziehungsbegriff ist mir aber auch klar, dass eine vollkommene Abschaffung jeglicher Erziehung nicht funktionieren kann. Ohne jegliche Vorgaben wären Kinder überfordert. Kleine Kinder sind noch nicht in der Lage, sich längerfristige Ziele zu setzen und sich selbst eine verantwortungsbewusste Lebensstruktur aufzuerlegen. Sie wären hilflos und hätten keine Orientierung, wenn man ihnen die Verantwortung für ihr Leben ganz allein überließe. Hier müssen vornehmlich noch die Eltern diese Aufgabe übernehmen.
Im Gegensatz zu den Antipädagogen bin ich nämlich der Meinung, dass die Fähigkeit zur Selbstverantwortung keineswegs angeboren ist, sondern erst erlernt werden muss. Allein durch angeborene Instinkte kann der Mensch nicht überleben, geschweige denn sich in einer hochkomplexen Zivilisation zurecht finden. Genauso verurteilenswert wie die autoritäre Erziehung ist deshalb auch das genaue Gegenteil; nämlich ein schrankenloses Gewährenlassen, das den Kindern überhaupt keine Vorgaben macht, alles durchgehen lässt und keine Konsequenzen kennt. Eine solche Nicht-Erziehung ist kein Zeichen von Liebe, sondern von Gleichgültigkeit oder einfach nur von Bequemlichkeit. Das Kind kann damit keinerlei Wertmaßstäbe entwickeln, mit denen es das eigene Verhalten hinterfragen und kritisch beurteilen kann. Für mich gilt deshalb die Faustregel: Die extremsten Standpunkte sind immer die fragwürdigsten und in letzter Konsequenz auch die kinderfeindlichsten.
Trotzdem muss der Begriff „Erziehung“ auch in Zukunft kritisch hinterfragt werden, vor allem auch vor dem Hintergrund seiner eigenen Geschichte. Nichts ist schlimmer als ein dogmatischer Erziehungsbegriff, der keine Veränderung und keine Weiterentwicklung mehr zulässt. Jede Form von „Erziehung“, Betreuung“ oder „Begleitung“ hat nur dann ihre Berechtigung, wenn sie die Würde des Kindes in den Mittelpunkt stellt und bereit ist, sich an diesem Anspruch messen zu lassen. Erziehung als dogmatisches Konzept, das Kinder nach starren und unverrückbaren Vorstellungen zurechtbiegen will, widerspricht der Würde der Kinder und hat für mein Dafürhalten keine Berechtigung.

