Mein eigener Weg
Auch wenn ich meine Sexualität niemals ausleben kann, habe ich einen Weg gefunden, platonisch damit umzugehen. Ich habe gelernt, meine Kontakte zu Kindern auf rein freundschaftlicher Ebene zu halten, ohne Gefahr zu laufen, dabei irgendwelche Grenzen zu überschreiten. Ich beteilige mich z. B. an der Jugendarbeit meines Schachvereins, was mir sehr viel Spaß macht. Jede Woche spiele ich mit den Kindern, wodurch natürlich auch das eine oder andere Gespräch entsteht. Das sind die kleinen Augenblicke, die einem Pädophilen trotz aller Enthaltsamkeit ein kleines bisschen Lebensglück geben können. Wir Pädophile müssen lernen, uns an diesen kleinen Momenten zu erfreuen und dankbar dafür zu sein. Jeden Kontakt mit einem symphatischen Kind,sei er auch noch so flüchtig und kurz, empfinde ich als ein ganz besonderes Geschenk. Ich glaube, für uns Pädophile kann das Lebensglück nur im Kleinen und Alltäglichen liegen.
Der Weg des Humanismus
Sehr geholfen auf diesem Weg hat mir meine humanistische Lebenseinstellung. Ich bin ein großer Bewunderer der humanistischen Philosophien, insbesondere die Gedanken von Erich Fromm haben mich immer fasziniert. Sein Buch „Haben oder Sein“1) ist für mich eines der klügsten Bücher überhaupt. Natürlich geht es darin nicht um Pädophilie. Trotzdem meine ich, dass es auch uns Pädophilen eine Menge zu sagen hat. Fromm unterscheidet die beiden grundsätzlichen Lebenseinstellungen „Haben“ und „Sein“. Die Auseinandersetzung mit diesen beiden so gegensätzlichen Charakterpolen ist gerade im Hinblick auf einen verantwortungsbewussten Umgang mit einer pädophilen Ausrichtung äußerst interessant.
In der Lebensweise des „Seins“ sollte eine pädophile Ausrichtung im Prinzip keine Gefahr darstellen. Der Betroffene wird sich ernsthaft und schonungslos mit ihr auseinander setzen. Das Ausleben der Pädophilie kommt für ihn nicht in Frage, da seine Achtung und sein tiefer Respekt vor dem Kind ihm dies verbieten. Er wird nach anderen Wegen suchen, wie er seine Sexualität ausdrücken und leben kann. Zum ernsthaften Problem wird eine pädophile Ausrichtung erst dann, wenn der Pädophile in der Existenzweise des „Habens“ lebt. Für ihn ist Sexualität ein Konsumgut, das der eigenen Bedürfnisbefriedigung dient. Die Gefahr, dass er seine Ausrichtung auszuleben versucht, ist hier sehr groß. In „Haben oder Sein“ wie auch in den anderen Werken von Erich Fromm habe ich viele wertvolle Gedanken gefunden, die mir im Umgang mit meiner Sexualität sehr geholfen haben.
Wir leben in einer Gesellschaft, die tief in der Struktur des „Habens“ verankert ist. Lustbefriedigung, Selbstsucht und Konsumorientierung haben einen hohen Stellenwert. Auch die Sexualität wird gezielt vermarktet und oft auch als käufliche Dienstleistung angeboten. Die Begriffe Liebe und Sexualität sind weitgehend entkoppelt. Dieser Umstand begünstigt die Versuchung vieler Pädophiler, ebenfalls eine konsumorientierte Einstellung zu ihrer Sexualität zu entwickeln, die dem von Fromm beschriebenen Zustand des „Habens“ entspricht. Das wiederum erhöht die Wahrscheinlichkeit eines sexuellen Übergriffs deutlich.
Gerade wir Pädophile müssen lernen, von einer auf die Genitalien fixierten Sexualität wegzukommen und uns an einem humanistischen Liebesbegriff zu orientieren. Dies scheint mir der einzige Weg zu sein, mit unserer Sexualität auf Dauer verantwortungsvoll umzugehen. Man darf sich aber keine Illusionen machen: Dieser Weg kann sehr hart und schwer sein, vor allem muss man sich ständig unter Kontrolle haben. Wer seine Sexualität als etwas erlebt, das ihn überkommt und dem er willenlos ausgeliefert ist, muss sich unbedingt in ärztliche Behandlung begeben.
Sexualität und Triebhaftigkeit aus Sicht der Individualpsychologie
Von einigen Pädophilen hört man die Einschätzung, dass sie ihre Sexualität als etwas Dranghaftes und Impulsgesteuertes erleben. Sie fürchten, sie könnten die Kontrolle über sich und ihren Trieb verlieren. Das ist allerdings kein zwangsläufiges Begleitsymptom der pädophilen Ausrichtung, sondern Ausdruck eines zusätzlichen Triebproblems. Die Unfähigkeit, die eigenen Impulse zu kontrollieren, ist ein Persönlichkeitsmerkmal der Betroffenen, das weit über die Sexualität hinaus geht. Wären sie sexuell auf Erwachsene ausgerichtet, würden sie ihre Sexualität als genau so dranghaft und triebgesteuert erleben. Die Pädophilie an sich ist nicht mehr oder weniger triebgesteuert als andere Sexualformen auch. Man muss deshalb auch von einem Pädophilen erwarten können, dass er seine Sexualität unter Kontrolle hält. Natürlich gibt es Fälle von krankhaften Triebstörungen, aber das ist ein gesondertes Problem, dass nicht auf die pädophile Ausrichtung zurückzuführen ist. Rudolf Dreikurs, einer der bekanntesten Vertreter der Individualpsychologie, hat schon zu seiner Zeit den Standpunkt vertreten, dass der Mensch seinen sexuellen Bedürfnissen keineswegs so hilflos ausgeliefert ist, wie man oft annimmt:
„Die Annahme, daß wir sexuellen Impulsen hilflos unterworfen wären, ist irrig und dient meist als Ausrede. Wenn wir dem Geschlechtstrieb die Herrschaft überlassen geben wir unsere eigene Entscheidungskraft auf und und entziehen uns der vollen Verantwortung für unser Handeln.“
(Rudolf Dreikurs: „Selbstbewußt – Die Psychologie eines Lebensgefühls“, dtv, München 1995, S. 176)
Mein eigenes Erleben bestätigt mir diese Aussage immer wieder. Gerade wir Pädophile müssen in besonderer Weise lernen, die Verantwortung für unser sexuelles Verhalten zu übernehmen. Dreikurs schreibt weiter:
„Ein Mensch, der der seinen sexuellen Begierden freien Lauf läßt, und dadurch soziale Belange schädigt, zeigt meist auch auf anderen Lebensbereichen eine gesellschaftsfeindliche Haltung. (...) Die Vorspiegelung, daß der Mensch unter der Herrschaft seiner sexuellen Triebe steht, verbirgt meist den wirklichen Tatbestand. Der Geschlechtstrieb ist den sozialen Zielen untergeordnet.“
(Rudolf Dreikurs: „Selbstbewußt – Die Psychologie eines Lebensgefühls“, dtv, München 1995, S. 176)
Es ist klar, dass diese Aussagen von Dreikurs nicht auf das Problem der Pädophilie gemünzt waren. Dennoch meine ich, dass man sie durchaus übertragen kann. Besonders bemerkenswert finde ich, dass Dreikurs die sozialen Ziele über den geschlechtlichen Trieb stellt. Das hieße, die sozialen Belange wären demnach der eigentlich bestimmende Antrieb menschlichen Verhaltens. Sexuelles Verhalten hätte demnach lediglich die Sinn, bestimmte soziale Ziele zu verwirklichen. Dreikurs erteilt also jeglichen Triebtheorien eine radikale Absage.
Für mich ergibt sich daraus die Überlegung, dass Pädophile im Grunde sehr verzweifelte und entmutigte Menschen sind, wenn sie ihrem Trieb freien Lauf lassen und ihre Neigung ausleben. Sie haben den inneren Kontakt zu ihren eigentlichen sozialen Zielen verloren. Das soziale Ziel der Pädophilen liegt darin, die Verbundenheit und die Gemeinschaft mit Kindern zu suchen. Wenn ein Pädophiler nun also vorrangig die sexuelle Nähe zu Kindern sucht, dann zeigt das, dass er keine Möglichkeiten sieht, sein Ziel der Verbundenheit mit Kindern auf andere Art und Weise zu erreichen. Er sieht keine andere Chance, Kindern nahe zu sein. Will er diesen Teufelskreis aufbrechen, muss er andere Möglichkeiten finden, auf angemessene Weise mit Kindern umzugehen.
Eine mögliche Lösung liegt darin, die hedonistische Lebenseinstellung zu ersetzen durch eine humanistische oder auch eine religiöse. Eine solche Form von Liebe und Verbundenheit schließt das sinnliche Erleben weitgehend aus und ist sehr viel abstrakter, aber deshalb nicht weniger tief und intensiv. Sie ist für viele Menschen allerdings sehr schwer zu erfüllen. Dies gilt umso mehr, da wir in einer weitgehend hedonistisch geprägten Umwelt leben. Wer hier einen anderen Weg geht oder gehen muss, schwimmt von vornherein gegen den Strom. Als Pädophiler hat man aber kaum eine andere Wahl. Nur der bewusste Verzicht auf Sex bedeutet wirkliche Nähe zu Kindern. Alles andere ist letztendlich nur eine Scheinverbundenheit, die unweigerlich in einen Teufelskreis führt.
Literatur:
1) Erich Fromm: „Haben oder Sein“, dtv, München 1979

