„Volljährige“ und „Minderjährige“:
Die Diskriminierung fängt in der Sprache an
Geringschätzigkeit gegenüber Kindern fängt nicht erst dort an, wo jemand körperliche oder seelische Gewalt gegen sie anwendet. Missachtung und Herablassung setzen schon viel früher ein, oftmals ganz versteckt und kaum erkennbar in ganz banalen Alltagssituationen. Dies zeigt sich auch in der Sprache bzw. in sprachlichen Formulierungen, mit denen wir als Erwachsene über Kinder und Jugendliche reden. Bestes Beispiel ist ein allgemein geläufiger Terminus aus der Rechtswissenschaft: Kinder und Jugendlichen gelten dort als „minderjährig“. Von Kindern oder Jugendlichen ist im kalten Amtsdeutsch selten die Rede, zumeist wird einfach nur von „Minderjährigen“ gesprochen. Ein Begriff, der sich schon längst in der Alltagssprache durchgesetzt hat und wie selbstverständlich verwendet wird.
Die Minderjährigkeit ist ein rechtlicher Status, der immer gerne dann herangezogen wird, wenn es darum geht, Kindern etwas zu verbieten oder zu begründen, warum sie eine bestimmte Sache noch nicht können: Kinder und Jugendliche sind minderjährig, also müssen sie nicht ernst genommen werden, dürfen vieles noch nicht, haben weniger Rechte oder was immer sich auch an Einschränkungen damit begründen lässt. Um nicht falsch verstanden zu werden: Ich bin nicht der Meinung, dass man Kinder wie Erwachsene behandeln sollte. Kinder als kleine Erwachsenen anzusehen, wäre ein gefährlicher Trugschluss. Was dabei herauskommen kann, sieht man nicht zuletzt an den beständigen Forderungen bestimmter Pädophilen-Verbände, wo man ganz naiv der Meinung ist, man könne die kindliche und die erwachsene Sexualität einfach mal auf eine Stufe stellen. Die Wahrheit sieht anders aus: Es gibt naturgegebene Unterschiede zwischen Kindern und Erwachsenen, die sich man akzeptieren muss und die sich niemals überbrücken lassen. Man wird Kindern nie das Maß an Selbstbestimmung und Eigenverantwortung gestehen können wie einem Erwachsenen. Eine völlige Gleichberechtigung zwischen Kindern und Erwachsenen wird es daher wohl nie geben.
All dies ist für mich aber noch lange kein Grund, Kinder per se auf eine niedrigere Stufe zu stellen. Bei aller Verantwortung und aller Fürsorgepflicht, die wir als Erwachsene haben: Den Begriff der Minderjährigkeit halte ich für ganz und gar nicht geeignet, den Bedürfnissen der Kinder gerecht zu werden. Wer Kinder als minderjährig bezeichnet, der reduziert sie auf ihre „Mängel“; auf das, was sie noch nicht können, anstatt sie als das zu sehen, was sie sind: Kleine, liebenswerte Menschen, die Respekt und Achtung verdienen. Stattdessen ist der Begriff der Minderjährigkeit längst zum Zirkelschluss geworden, wenn es darum, Kinder und Jugendliche mit allen möglichen Einschränkungen zu belegen und sie von der aktiven gesellschaftlichen Mitwirkung auszuschließen. Egal, ob es um die eine zeitgemäße Erziehung geht, um die Probleme im heutigen Schulalltag oder um kinder- und familienpolitischen Fragen: Eine ehrliche Diskussion über und vor allem mit Kindern findet höchst selten statt. Ihre Rechte, ihre Bedürfnisse ihre Ängste, ihre Sorgen und Probleme – eine ernsthafte Auseinandersetzung über diese Dinge kommt oft gar nicht erst zustande. Dass wir in einer wenig kinderfreundlichen Gesellschaft leben, hat zwar viele Gründe, aber ich behaupte, es hat in letzter Konsequenz auch etwas damit zu tun, dass wir Kinder einfach als minderjährig abstempeln und uns damit über sie erheben.
Eine problematische Wortbedeutung
Sehen wir uns doch einmal an, was das Wort „minderjährig“ überhaupt aussagt. Der Wortbestandteil „minder-“ bedeutet soviel wie „weniger“. So spricht man z. B. von „minderwertiger Ware“ oder von „minderer Qualität“. Wer geistig nicht ganz auf der Höhe ist, gilt als „minderbegabt“ oder „minderbemittelt“. An diesen Beispielen sieht man, dass die Vorsilbe „minder-“ einen ausgesprochen negativen Beigeschmack hat. Sie beschreibt immer etwas Problematisches, etwas Eingeschränktes oder Mangelhaftes. Der Wortbestandteil „minder-“ steht nicht für eine wertneutrale Beschreibung, sondern für eine klar erkennbare Abwertung. Schon allein deshalb empfinde ich es ausgesprochen respektlos, Kinder und Jugendliche ausgerechnet als „minderjährig“ zu bezeichnen. Für solche versteckten sprachlichen Respektlosigkeiten müssen wir sensibler werden, gerade wenn es um den Umgang mit Kindern und Jugendlichen geht. Ich persönlich spreche deshalb nicht von „Minderjährigen“, sondern ganz einfach von Kindern oder Jugendlichen. Das ist nicht nur unkomplizierter und lebensnaher, sondern hört sich auch viel menschlicher an.
In gleicher Weise zu bewerten sind die beiden Begriffe „mündig“ und „unmündig“. Hier zeigt sich genau die gleiche Geringschätzung gegenüber jungen Menschen. Unmündig bedeutet soviel wie: Nicht in der Lage, für sich selbst zu sprechen; unfähig, die eigenen Wünsche und Bedürfnisse zu artikulieren. Sicher: Kinder und Jugendliche haben noch nicht die Lebenserfahrung eines Erwachsenen und können deshalb viele Dinge noch nicht hinreichend einschätzen. Dem wird man durch entsprechende Gesetze sicherlich immer in irgendeiner Weise Rechnung tragen müssen, aber sind Kinder deshalb „unmündig“? Ich meine, Kinder sind sehr wohl in der Lage, für sich selbst zu sprechen, uns ihre Wünsche, ihre Gefühle und Ängste mitzuteilen. Wir Erwachsenen täten gut daran, Kindern zuzuhören und uns auf sie einzulassen, wenn sie uns etwas erzählen und mit uns sprechen. Wie wir als Erwachsene damit umgehen und was wir daraus machen, ist eine andere Frage, aber Kinder haben einen Anspruch darauf, von uns Erwachsenen ernst genommen zu werden. Sie von vornherein als „unmündig“ zu bezeichnen, steht uns nicht zu. Auch das ist für mich eine Frage von Respekt und Achtung.
Egal, ob „minderjährig“ oder „unmündig“: An diesen unschönen Begriffen zeigt sich, wie sehr wir Erwachsenen geneigt sind, uns über Kinder zu erheben und nicht bereit sind, auch mal ihre positiven Eigenschaften sehen; ihre Stärken, die sie ohne Zweifel haben: Neugier, Spontanität, Kreativität, Begeisterungsfähigkeit, Ehrlichkeit, Unbefangenheit und vieles mehr. Auch Kinder und Jugendliche gehören dazu und sind wichtig für diese Gesellschaft. Ich bin überzeugt, sie könnten ihr Potential viel besser einbringen, wenn wir Erwachsenen sie nicht immer nur über das definieren, was sie alles noch nicht können, sondern bereit sind, ihnen mit Offenheit, Unbefangenheit und ehrlichem Interesse zu begegnen. Dann hätten wir es auch nicht mehr nötig, die Menschen in Volljährige und Minderjährige einzuteilen. Ich bin sicher, der der Verzicht auf diese wenig respektvollen Bezeichnungen würde sich langfristig auszahlen. Bestimmte Altersgrenzen wird es auch weiterhin geben müssen, das ist gar keine Frage. Aber ist es notwendig, Kinder und Jugendliche zusätzlich noch als „minderjährig“ bezeichnen? Ich meine, dies ist nicht nur respektlos, sondern auch in jeder Hinsicht überflüssig.
Das Erwachsenwerden als stetiger Prozess
Ich halte die starre Einteilung der Menschen in Volljährige und Minderjährige aber nicht nur aus sprachlichen Gründen für problematisch, sondern auch aus inhaltlichen Erwägungen. Diese beiden Begriffe erwecken nämlich leicht den Eindruck, das Erwachsenwerden sei ein schlagartig sich vollziehendes Ereignis, das quasi über Nacht eintritt: Gestern noch unreif und unselbstständig“, heute plötzlich reif und eigenverantwortlich. Eine absurde Vorstellung, denn jeder weiß, dass das Erwachsenwerden ein jahrelanger, aufeinander aufbauender Wachstums- und Entwicklungsprozess ist. Die Fähigkeit zu reifem, eigenverantwortlichem Handeln wird nach und nach erworben, nicht punktuell zu einem exakt definierbaren Datum. Es ist absurd, einem Menschen bis zu einem bestimmten Stichtag kaum einen Spielraum an Eigenständigkeit zuzugestehen, um ihn dann über Nacht als reif und eigenverantwortlich anzusehen. Ich würde mir stattdessen mehrere kleinere, sorgfältig aufeinander abgestufte Altersgrenzen wünschen, mit denen die Jugendlichen Schritt für Schritt lernen können, mit einem immer größer werdenden Spielraum an Eigenverantwortlichkeit zurecht zu kommen. Das entspräche der Realität viel eher als der schlagartige Eintritt der Volljährigkeit. Es ist absurd, einem Menschen bis zu einem bestimmten Stichtag kaum einen Spielraum an Selbstständigkeit zuzugestehen, um ihn dann über Nacht als reif und eigenverantwortlich anzusehen. Auch deshalb ist die rigorose Unterteilung der Menschen in Volljährige und Minderjährige nur eine engstirnige Fiktion der Juristen, die der Wirklichkeit kaum gerecht werden kann.
Man darf auch nicht vergessen, dass Lernen und Reifung lebenslange Prozesse sind, die nicht mit Eintritt der Volljährigkeit enden. Der Ausdruck Volljährigkeit beinhaltet insofern auch eine gewisse Selbstverherrlichung der Erwachsenen, denn er vermittelt leicht den Eindruck, ein Volljähriger hätte rundherum ausgelernt und bräuchte sich nicht mehr weiter zu entwickeln. Ist das wirklich die Botschaft, die wir unseren Kindern vermitteln wollen? Ich bin überzeugt, das Verhältnis der Generationen wäre von viel mehr Achtung geprägt, wenn es die starre Einteilung der Menschen in Volljährige und Minderjährige nicht mehr gäbe. Vor allem Kinder und Jugendliche würden mit Sicherheit viel mehr Anerkennung erfahren, wenn sie nicht mehr mit dem diskriminierenden Begriff der Minderjähigkeit belegt wären. Dies mag seinen „Sinn“ gehabt haben zu einer Zeit, als zwischen Kindern und Erwachsenen noch strenge Hierarchien herrschten, als Kinder generell als etwas Untergeordnetes galten und den Erwachsenen – besonders den Eltern – zu absolutem Gehorsam verpflichtet waren. Aus heutiger Sicht ist der Rechtsstatus der Minderjährigkeit für mein Dafürhalten aber nicht nur respektlos, sondern auch gesellschaftlich nicht mehr wünschenswert.
Mehr Respekt auch in der Sprache
Einige Leser werden sich jetzt vielleicht fragen: Was hat das alles mit Pädophilie zu tun? Die Antwort ist einfach: Diese Überlegungen haben zwar nicht direkt etwas mit dem Thema Pädophilie zu tun, aber auch hier geht es um die entscheidende Frage, wie man Kindern mit Respekt und Achtung begegnen kann; wie man ihnen und ihren Bedürfnissen am Besten gerecht werden kann. Ein verantwortungsvoller Umgang mit einer pädophilen Ausrichtung ist nur dann möglich, wenn man lernt, Kindern mit Respekt und Achtung zu begegnen. Dies ist seit jeher der Schlüssel meiner gesamten Lebensphilosophie gewesen. Respekt und Achtung zeigen sich aber nicht nur darin, wie wie man zu Pädophilie und sexuellem Missbrauch steht. Aufrichtig empfundener Respekt bezieht sich auf alle Bereiche des Lebens. Das ist für mich Grund genug, auch viele unserer ganz alltäglichen Umgangsweisen mit Kindern einmal grundlegend in Frage zu stellen. Dazu gehört für mich auch die Frage, ob es denn wirklich notwendig ist, Kinder und Jugendliche mit fragwürdigen Begriffen wie „minderjährig“ oder „unmündig“ zu belegen.
Meiner Meinung nach gibt es andere und bessere Möglichkeiten, ihren Bedürfnissen nach Schutz und Fürsorge gerecht zu werden. Manch einer mag diese Überlegungen für kleinkariert halten und sich fragen, ob es nicht wichtigere Baustellen gibt, wo man für die Rechte von Kindern kämpfen kann. Diese Überlegung mag berechtigt sein, aber eins dürfen wir nicht vergessen: Wir leben heute in einer Medien- und Kommunikationsgesellschaft, da darf man die Macht der Worte niemals unterschätzen. Wir machen uns oft gar nicht klar, wie viele versteckte Werturteile in sprachlichen Formulierungen stecken, die auf den ersten Blick scheinbar harmlos sind. Hier möchte ich zu mehr Sensibilität aufrufen und dafür plädieren, bestimmte sprachliche Begriffe regelmäßig darauf zu überprüfen, ob sie noch zeitgemäß sind oder ob sie in ihrer Signalwirkung nicht mehr schaden als nützen. In diesem Sinne gehören auch die beiden Begriffe „volljährig“ und „minderjährig“ endlich einmal auf den Prüfstand.
Es ist Aufgabe des Staates und der Rechtswissenschaft, die Rechte und die Menschenwürde eines jeden Einzelnen zu schützen; egal, wie alt oder jung er auch immer ist. Die Rechte und die Würde von Kindern müssen sogar in ganz besonderer Weise geschützt werden. Mit dem Rechtsstatus der Minderjährigkeit tut man Kindern und Jugendlichen aber ganz bestimmt keinen Gefallen. Im Gegenteil: Man reduziert sie auf ihre Unfertigkeiten und ihre Defizite, macht sie zu passiven und handlungsunfähgigen Objekten, die nicht mehr als eigene Persönlichkeiten wahrgenommen werden. In der Konsequenz bedeutet das nicht Schutz und Fürsorge, sondern Geringschätzung, Entrechtung und eine Mentalität des Nicht-Ernstnehmens. Das passt nicht mehr in die heutige Zeit. In einer aufgeklärten und demokratischen Gesellschaft sollten wir andere Wege finden, mit Kindern und Jugendlichen umzugehen. Es ist meine tiefe Überzeugung, dass Kinder und Jugendliche nicht „minderjährig“ sind. Sie sind zwar jünger und haben weniger Erfahrung, aber sie sind und bleiben Menschen, die man ernst nehmen und mit Respekt behandeln muss. Sie verdienen es nicht, dass man sie auf ihre Unfertigkeiten reduziert.

