Was sind schon 70 Jahre?
Es gibt Momente im Leben, die sind scheinbar völlig beiläufig und unwichtig sind ‒ und dennoch bleiben sie einem auf ganz besondere Weise in Erinnerung. So einen Moment erlebte ich letzte beim Mannschaftskampf im Schach. Mit meinem Verein fuhr ich zum Auswärtsspiel in die Nachbarstadt. Für alle, die sich im Schach nicht auskennen: Eine Mannschaft besteht aus acht Leuten. Jeder spielt seine eigene Partie, am Ende zählt die Summe der erzielten Siege für jedes Team. Zu meiner Mannschaft gehört auch ein betagter Herr von 82 Jahren. Für ihn ist der Schachsport eine gute Möglichkeit, um geistig fit zu bleiben. An jenem Spieltag musste er gegen einen kleinen Jungen spielen. Mein Mannschaftskollege ist ein sehr höflicher, aber direkter Mensch, und so fragte seinen jungen Gegner ganz interessiert: „Wie alt bist du denn, wenn ich fragen darf?“ „Zwölf!“, antwortetet der Junge freimütig, was meinem Teamkollegen zu der staunenden Feststellung veranlasste: „Dann bin ich ja genau 70 Jahren älter als Du...“
Andächtiges Schweigen im Raum. Wohl kaum einer, der sich von dieser Szene nicht berührt fühlte. Schließlich meinte ein Dritter: „Das ist doch genau das Schöne am Schach!“ Eine absolut zutreffende Feststellung, der ich mich innerlich aus vollem Herzen anschließen konnte. Das ist in der Tat etwas ganz Wertvolles am Schachsport: Hier kommen unterschiedliche Generationen miteinander in Berührung, und zwar mit einer Selbstverständlichkeit und einer Unbefangenheit, die man sonst nur selten findet. Normalerweise leben Kinder und Erwachsene in ihren ganz eigenen sozialen Räumen, doch es gibt auch Ausnahmen. Der Schachsport ist eine davon.
Hierin liegt gerade für mich als Pädophiler ein wichtiger Tost. Im Sexuellen leben Kinder und Erwachsene in unterschiedlichen Welten, zwischen denen es keine Überschneidungen gibt. Das stand für mich nie zur Diskussion. Dafür gibt es andere Bereiche des Lebens, wo das Alter überhaupt keine Rolle spielt. Dort können selbst der 12-Jährige und der 82-Jährige zusammen spielen und miteinander Spaß haben, ohne dass daran irgendetwas Verwerfliches wäre. Gäbe es diese Überschneidungen zwischen den Generationen nicht, dann wüsste ich nicht, woraus ich meine Hoffnung beziehen sollte. Man darf sich durchaus mit Kindern verbunden fühlen, es kommt nur auf die Art und Weise an.
Wie die Begegnung ausgegangen ist? Der 12-Jährige aus dem Nachbarverein gewann gegen unseren 82-Jährigen. Natürlich hätten wir den abgegebenen Punkt gut gebrauchen können, aber auch das ist das Schöne am Schach: Im Spiel sind Kinder und Erwachsene in jeder Hinsicht gleichberechtigt, da können selbst die Kleinen die ganz Großen in ihre Schranken weisen. Wo gibt es das sonst? Auch ich hatte meine Partie an jenem Tag verloren, doch das war zweitrangig. Dafür konnte ich etwas viel Schöneres mit nach Hause nehmen; nämlich die Erinnerung an einen bewegenden Moment, in dem es nichts Trennendes mehr gab zwischen alt und jung. Ich würde mir wünschen, dass es mehr solcher sozialen Räume gäbe, in denen Kinder und Erwachsenen gemeinsam miteinander spielen und voneinander lernen können.

