Vom Wert der Erinnerungen
Weihnachten ist das Fest der Liebe und – fast noch mehr – das Fest der Kinder. Deshalb sollten unsere Gedanken jetzt ganz besonders bei den Kindern sein, gerade bei denen, denen es nicht so gut geht. Bei denen, die schon genau wissen, dass sie keine Geschenke bekommen werden, weil das Geld hinten und vorne nicht reicht. Andere Kinder haben vielleicht noch nicht einmal eine Familie, mit der sie zusammen Weihnachten feiern können. Ich frage mich, wie es diesen Kindern jetzt wohl gehen mag. Ob sie jemals auf schöne Erinnerungen zurückblicken können, wenn sie später einmal an Weihnachten denken?
Das erste Weihnachtsfest, an das ich mich noch dunkel erinnern kann, liegt genau 30 Jahre zurück: Es war 1976, ich war gerade vier Jahre alt. Meine Oma und meine Tante waren zu Besuch, mein Vater wohnte noch bei uns zu Hause. Draußen wurde es langsam dunkel, drinnen Weihnachtsmusik, Kerzenschein und zwei vor lauter Vorfreude total überdrehte Kinder, nämlich meine Schwester und ich. Dann die Bescherung: Auf dem Gabentisch lagen Berge von Spielzeug, so viel, dass wir beide den ganzen Abend ausgiebig beschäftigt waren, bis es irgendwann total übermüdet ins Bett ging.
Die Geschenke waren im Nachhinein betrachtet gar nicht so wichtig, die hatten nämlich nach kurzer Zeit schon wieder den Reiz des Neuen verloren. Viel nachhaltiger sind mir ganz andere Erinnerungen im Gedächtnis geblieben: Der herrlich duftende Tannenbaum, die festliche Stimmung und natürlich die Vorfreude auf die Geschenke. Das gemütliche Zusammensein mit der Familie, während es draußen langsam dunkel wurde und man drinnen bei Weihnachtsmusik und Kerzenschein zusammenrückte. Diese liebevolle Atmosphäre, die Geborgenheit in der Familie, das sind die eigentlichen Erinnerungen, die für mich bis heute untrennbar mit Weihnachten verbunden sind. Ich glaube, solche Erinnerungen sind auch heute noch das Wertvollste, was wir Kindern in diesen Tagen schenken können. Teure Geschenke und materielle Übersättigung sind sehr kurzlebig: Die neue Playstation ist nach einem halben Jahr wieder veraltet, die Markenklamotten schon wieder megaout.
Erinnerungen prägen uns mitunter fürs ganze Leben. Schreckliche Erinnerungen können uns traumatisieren, schöne Erinnerungen können dagegen eine wertvolle Kraftquelle sein, aus der wir noch nach Jahren zehren können. Ich kann wirklich nicht behaupten, dass ich eine schöne Kindheit hatte. Auf vieles, was man als Kind braucht und was eine glückliche Kindheit ausmacht, habe ich verzichten müssen. Besonders die Zeit im Kinderheim war schrecklich. Im Gegensatz dazu habe ich die Weihnachstage in (fast) ausschließlich positiver Erinnerung, denn Weihnachten durfte ich zu Hause verbringen. So war das Weihnachtsfest für mich einer der wenigen Lichtblicke in einem traumatischen und trostlosen Jahresverlauf. Mag sein, dass ich da im Nachhinein vieles idealisiere, aber es zeigt, wie man auch nach Jahren noch von solchen Erinnerungen zehren kann.
Meine Kindheit ist lange vorbei, doch die Erinnerungen sind geblieben. Was bedeutet mir Weihnachten heute? Auch wenn ich mich dem christlichen Glauben heute nicht mehr verbunden fühle, empfinde ich immer noch tiefen Respekt vor diesem Fest. Für mich ist es immer noch das Fest der Nächstenliebe, der Menschlichkeit, der Besinnlichkeit und der Geborgenheit. Und natürlich das Fest der Kinder, denn wer ist mehr auf unsere Liebe und Geborgenheit angewiesen als sie?

