Beim Schachturnier
Letzte Woche habe ich wieder einmal an einen Schachturnier teilgenommen. Das war für mich nicht nur ein Glücksmoment, sondern ein richtiger Glückstag. Spielerisch hatte ich zwar nicht meinen stärksten Tag, aber ich holte immerhin 5 aus 9 Punkten, damit konnte ich zufrieden sein. Besonders gefreut habe ich mich aber, dass so viele Kinder dabei waren. Da ich nicht damit gerechnet hatte, war ich umso angenehmer überrascht. Es waren fast alles Jungen, Mädchen waren nur ganz wenige dabei.
Gleich in der ersten Runde musste (oder besser gesagt: durfte) ich gegen einen kleinen Jungen spielen, er war 10 Jahre alt und unheimlich nett. Es war eine enorm spannende Partie: Er ist ein unheimliches Talent und hatte mich schon fast platt gespielt, aber als Erwachsener hat man die größere Erfahrung und so konnte ich mit Mühe und Not noch ein Remis herausholen. Ich reklamierte dreimalige Stellungswiederholung, aber wir waren uns nicht ganz einig, ob wir wirklich schon zum dritten Mal die gleiche Stellung auf dem Brett hatten. So musste ich den Schiedsrichter dazu holen, der mir das Remis schließlich gewährte. Gerade noch rechtzeitig, denn ich hatte nur noch Sekunden auf der Uhr! Der Junge war genauso aufgeregt wie ich, das merkte ich ihm deutlich an. Einerseits war es mir unangenehm, dass ich ihm im letzten Moment noch ein Remis abgerungen habe, denn er hätte den Sieg eindeutig verdient gehabt. Auf der anderen Seite war er mir von der Spielstärke her ebenbürtig, deshalb war es schon in Ordnung, dass ich bis zum Schluss mit allen Mitteln gekämpft habe. Er ging erstaunlich gelassen mit dem verpassten Sieg um: „Ein Remis in der ersten Runde, das ist doch schon was!“ Nach der Partie ging ich noch einmal auf ihn zu und lobte ihn für seine tolle Leistung. Stolz erzählte er mir, dass er mit seiner Mannschaft sogar U10-Landesmeister ist!
In Runde 5 musste ich wieder gegen einen Jungen spielen, er war 11 Jahre alt und ebenfalls sehr sympathisch. Er war nicht ganz so stark und so hatte ich nicht viel Mühe ihn zu besiegen. Nach der Partie wollte ich ihm noch erklären, was er falsch gemacht hat, aber da war er schon wieder verschwunden. Offenbar war er doch ein wenig enttäuscht. Kurz darauf entdeckte ich ihn draußen auf dem Hof, wo er zusammen mit seinem Trainer und anderen Kindern gerade dabei war, unsere Partie nachzuspielen. Das hat mich natürlich interessiert. Ich stellte ich mich dazu und wir analysierten alle gemeinsam noch einmal die Partie.
In Runde 7 traf ich noch einmal auf einen Jungen von 12 oder 13 Jahren. Er war sehr gesprächig und wollte gleich wissen, wie hoch meine DWZ ist und wie viele Punkte ich schon habe. Wir stellten fest, dass wir beide drei Punkte hatten und er erzählte mir, dass er unbedingt die 50%-Grenze erreichen wollte. Ich erklärte ihm, dass ich heute auch nicht meinen stärksten Tag hätte und auch zufrieden wäre, wenn ich 4,5 oder 5 Punkte erreiche. Als die Partie startete gewann ich relativ schnell die Oberhand. Der Junge bot mir Remis an, aber ich lehnte ab: „Tut mir leid, aber mit einem Bauern mehr muss ich auf Sieg spielen.“ ich gewann die Partie, denn es war eine eindeutige Gewinnstellung, so sehr ich dem Jungen das Remis auch gegönnt hätte. Nach der Partie war er sichtlich enttäuscht. Ich ging noch einmal auf ihn zu und erklärte ihm, dass ich ihm das Remis gern gegönnt hätte, die Partie aber eindeutig eine Gewinnstellung gewesen war und ich deshalb das Remis nicht geben konnte, alles andere wäre Wettbewerbsverzerrung gewesen. Er hat es eingesehen, aber ich glaube, seinen Ärger hat das nicht sonderlich gemindert.
Es war ein wirklich schöner und ereignisreicher Tag. Über die vielen Kinder habe ich mich besonders gefreut, mit ihrer Lebendigkeit und ihrer Unbefangenheit waren sie eine große Bereicherung für das Turnier. Das gemeinsame Miteinander von Kindern und Erwachsenen fand ich etwas unheimlich Schönes. Die Kinder waren wie selbstverständlich überall dabei. Es wäre gar nicht möglich gewesen, ihnen aus dem Weg zu gehen, selbst wenn ich es gewollt hätte. In den Pausen saßen sie zusammen mit den Erwachsenen in der Kantine oder tobten draußen auf dem Hof herum, während daneben die Erwachsenen standen und sich unterhielten. Das finde ich so faszinierend am Schachsport: Kinder und Erwachsene können gemeinsam miteinander Spaß haben, Altersgrenzen spielen keine Rolle. Wo gibt es das sonst, dass ein Erwachsener und ein Kind sich zu gleichen Bedingungen miteinander messen können? Im Schach geht das, dort kann auch einmal das Kind der Stärkere sein. Ich bin sicher, ohne die Kinder wäre das Turnier um einiges ärmer gewesen, sportlich und menschlich!

