Einladung zum Schulfest
Am vergangenen Samstag hatte ich nicht nur einen Glücksmoment, sondern gleich einen richtigen Glückstag. Christa ist eine Bekannte von mir, sie leitet eine Online-Initiative gegen Kinderpornographie und pädophile Seiten im Internet. Eines Tages hatten wir E-Mail-Kontakt miteinander und stellten fest, dass wir viele gemeinsame Sichtweisen haben. Christa arbeitet als Grundschullehrerin und ist sehr engagiert in ihrem Beruf. Vor kurzem hat sie mir ein ganz besonderes Geschenk gemacht: Eine Einladung zum Schulfest! Ich empfand diese Einladung als große Ehre und habe mich schon lange auf diesen Tag gefreut. Als ich am Samstag an ihrem Wohnort ankam, holte mich Christas Sohn vom Bahnhof ab. An der Schule angekommen, führte er mich sogleich zum Sportplatz, wo er mich mit seiner Mutter bekannt machte.
Auf dem Rasen lief gerade ein Fußballspiel. Zwei dritte Klassen spielten gegeneinander, die einen in Deutschland-Trikots, die anderen als Brasilianer. Am Spielfeldrand standen lauter begeisterte Kiddies, die ihre Mitschüler jubelnd, kreischend und Fahnen schwenkend unterstützten. Dazwischen die ebenso begeisterten Lehrer und Eltern, die ihren Sprösslingen ebenfalls begeistert zujubelten. Christa überreichte mir auch eine kleine Fahne, so dass ich ihre Klasse wirkungsvoll unterstützen konnte. Am Ende gewann Christas Klasse, die „Deutschen“, mit 5:2 gegen die „Brasilianer“. Der Jubel bei Christas Schützlingen war unbeschreiblich! Nach dem Spiel strömten die Menschenmassen wieder Richtung Schulgebäude. Christas Spieler zogen sich am Spielfeldrand erst einmal wieder um, dann ging es gemeinsam Richtung Klassenraum. Christa zeigte mir ihren kleinen Klassenraum, in dem sie jeden Tag mit ihren Schülern zusammen ist. Nicht nur Christas Klasse, sondern die ganze Schule ist vergleichsweise klein und überschaubar.
Draußen auf dem Schulhof ging das Programm weiter. Es gab reihenweise kleine Stände mit lauter interessanten Aktionen zum Mitmachen, z.B. Torwandschießen, Basketballwurf, Tischfußball oder ein Quiz-Spiel zur Fußball-WM. Im Schulgebäude selbst gab es genauso viel zu entdecken. Das Motto des Schulfests hieß „Die Welt zu Gast bei Freunden“, passend zur Fußball-WM. Jede Klasse repräsentierte ein ganz bestimmtes Land, das von den Schülern mit seiner jeweiligen Landeskultur vorgestellt wurde. So gab es z.B. einen japanischen Teegarten oder eine kleine Sammlung mittelamerikanischer Skulpturen aus dem heutigen Mexiko. Christas Klasse repräsentierte die USA. Die Kinder hatten sich als kleine Indianer verkleidet, sie sahen richtig süß aus mit ihren umgehängten, bemalten Kartoffelsäcken und dem Federstirnband im Haar. Christa war ebenfalls als Indianerin verkleidet, ihren Kartoffelsack legte sie erst zu Hause wieder ab. Ganz im Gegensatz zu einigen Kindern, denen ihre Kostüme schon nach kurzer Zeit lästig wurden, da sie beim Toben und beim Fußballspielen störten.
Beim Schlendern durch die Klassenräume gab es etliche Gelegenheiten, mit den Kindern ins Gespräch zu kommen. Die verschiedenen landestypischen Aktionen, die sie in ihren jeweiligen Klassen vorstellten, boten interessanten Gesprächsstoff und warfen viele Fragen auf. Die Kinder waren allgegenwärtig. Sie flitzten durch die Gänge, alberten miteinander herum, und man merkte richtig, wie viel Spaß sie dabei hatten. Es war unheimlich schön, ihnen zuzusehen, wie ausgelassen sie waren. Ihre Fröhlichkeit und ihre Lebendigkeit waren einfach ansteckend. Auf dem Gang kam ein kleines Mädchen spontan auf mich zu und zeigte mir ganz stolz ihre Stempelkarte, mit der sie sich an jedem Aktionsstand einen Stempel abholen konnte. Sie erzählte mir voller Freude, dass ihr jetzt nur noch drei Stationen fehlten, dann hätte sie es geschafft und ihre Karte wäre voll. Es ist richtig rührend, wie unbefangen und vertrauensvoll Kinder mitunter auf Erwachsene zugehen, sogar dann, wenn sie ihnen völlig fremd sind. Genau diese Unbefangenheit, dieses vorbehaltlose Vertrauen macht sie so liebenswert, aber auch so verletzlich. Auf dem Schulhof fragte mich Thomas (Name geändert), ein Schüler aus Christas Klasse, ob ich denn Christas Mann wäre: „Sind Sie Herr *****?“ Ich musste ich erst einmal überlegen, was ich denn sagen sollte. Schließlich antwortete ich ihm schließlich wahrheitsgemäß, dass ich ein guter Bekannter wäre, den Christa zum Schulfest eingeladen hätte. Christa musste herzhaft lachen, als ich ihr davon erzählte! Sie winkte Thomas zu sich und sagte: „Thomas, das ist nicht mein Mann, das könnte mein Sohn sein!“
Später kam ich noch einmal mit Thomas ins Gespräch. Ich sah in an mir vorbeilaufen, nahm Blickontakt auf und lächelte ihn an. Stolz präsentierte er mir seinen kleinen Zettel, den er in seinem chinesischen Glückskeks gefunden hatte. Er erzählte mir, wo man sich diese Glückskeks kaufen könnte und dass der Erlös an ein SOS-Kinderdorf in Peking ginge. Das fand ich eine gute Sache und meinte: „Na, dann muss ich mir doch auch gleich mal so einen Glückskeks kaufen!“ Durch seine nette und offene Art hatte ich Thomas sofort in mein Herz geschlossen. Insgesamt tat ich mich aber eher schwer, mit den Kindern ins Gespräch zu kommen, denn ich bin nun einmal ein zurückhaltender Mensch, der nicht so munter drauflos plaudern kann wie manch anderer. Mit der Zeit bin ich aber immer mehr aufgetaut und habe mich richtig wohl gefühlt. Für das leibliche Wohl war auch bestens gesorgt: In der Pausenhalle gab es eine große Auswahl an Kaffee und Kuchen, Kaltgetränken und anderen Spezialitäten. Draußen auf dem Schulhof gab es zur Mittagszeit Bratwurst und ein riesiges Büffet an leckeren Salaten. Ein großes Lob übrigens an die Eltern, die den Verpflegungsbetrieb organisiert und wunderbar im Griff hatten. Auch Christa und ich stellten uns am Bratwurststand an, aber als wir an der Reihe waren, war keine einzige Bratwurst mehr für uns übrig. So ein Pech, aber die Salate waren auch klasse!
Dann neigte sich alles schon so ganz langsam wieder dem Ende zu. Christa und andere Lehrer begannen mit den ersten Aufräumarbeiten. Ich half ihnen dabei, indem ich mit einem Müllsack umherlief und Papier aufsammelte. Es dauerte keine halbe Stunde, dann war das meiste auch schon wieder abgebaut. Plötzlich sah ich mich auf einem fast menschenleeren Schulhof stehen. Hier und da tobten noch ein paar Kinder herum, die Lehrer und einige Eltern waren noch mit den letzten Aufräumarbeiten beschäftigt. Ich war richtig wehmütig, wie schnell alles wieder zu Ende war. Irgendwann waren auch die letzten Kinder mit ihren Eltern wieder nach Hause gegangen. Christas Mann kam und holte uns beide mit dem Auto ab. Wir fuhren zu den beiden nach Hause und verbrachten den Nachmittag draußen im Garten. Bei Kaffee und Kuchen kamen wir schnell miteinander ins Gespräch und redeten über alles Mögliche miteinander. Nach dem Abendbrot musste ich mich auch schon wieder auf den Weg machen. Christas Mann fuhr mich zurück zum Bahnhof. Dass mein Zug dann auch noch 40 Minuten Verspätung hatte, war zwar ärgerlich, konnte mir aber die Freude über diesen schönen Tag nicht mehr vermiesen.
Christa, ich bedanke mich ganz ausdrücklich für diesen wunderschönen Tag, den ich bei euch erleben durfte. Das Schulfest war wirklich ein ganz einmaliges Erlebnis. Auch wenn ich nur wenige Kinder aus deiner Klasse kennen gelernt habe, habe ich sie doch sofort in mein Herz geschlossen. Besonders Thomas, der so offen und direkt auf mich zugekommen ist, ich fand ihn wirklich unheimlich nett. Ich war richtig traurig, als ich wieder im Zug saß und alles vorbei war. Dieser Tag war wie ein Schlüsselerlebnis für mich. Selten zuvor ist mir auf so eindringliche Weise bewusst geworden, wie unglaublich schön und bereichernd es ist, mit Kindern zusammen zu sein und mit ihnen gemeinsam etwas zu erleben. Ich kann mir richtig vorstellen, wie viel Spaß dir dein Beruf macht und wie viel Erfüllung er dir bringt. Vielen Dank auch an alle Kinder, Lehrer und Eltern, die das Schulfest mit so viel Liebe vorbereitet und durchgeführt haben. Es war eine große Ehre, dabei sein zu dürfen und mit euch allen zusammen diesen wunderschönen Tag zu erleben. Ich wusste schon immer, dass mich solche Momente mit Kindern tausendmal glücklicher machen, als eine ausgelebte pädophile Neigung es jemals könnte!
Was bleibt, ist ein Gefühl der Wehmut. Mir ist bewusst, dass solche Momente wohl etwas ganz Seltenes für mich bleiben werden. Im Alltag habe ich leider keine Möglichkeit, diese intensive Gemeinschaft mit Kindern zu erleben, obwohl ich es mir doch so sehnlichst wünschen würde. An Tagen wie diesem wird mir auf schmerzliche Weise bewusst, was mir fehlt und wonach ich mich tief im Herzen sehne. Trotzdem war dieser eine Tag etwas ganz Besonderes für mich, denn ich habe eine Ahnung davon bekommen, was Glück für mich bedeutet, und zwar wirkliches, echtes und tiefes Glück. Dieses intensive Gefühl, Glück erlebt zu haben und es genießen zu können, das ist ein Schatz, den muss man erst einmal finden!

