Donnerstag, 09.09.2010

Eine neue Turnierbekanntschaft


Letztes Wochenende habe ich seit langer Zeit wieder einmal an einem Schnellschach-Turnier teilgenommen. Dort habe ich einen sehr netten Jungen kennen gelernt. Er heißt Daniel (Name geändert), ist 12 Jahre alt und wirkte ausgesprochen sympathisch. Gleich in der ersten Runde – es war noch früh am Morgen – musste ich gegen ihn spielen. Ich merkte schnell, dass er noch Anfänger war und nur wenig Theoriekenntnisse hatte. Sein schwarzer König war schon hoffnungslos von meinen weißen Figuren umzingelt, da passierte es: Daniel blickte verwundert auf die Uhr und schien sehr irritiert zu sein. Dann erkannte auch ich das Problem: Unsere Uhren liefen beide gleichzeitig! Wenn die Uhr schon alt und die Mechanik ausgeleiert ist, dann kann so etwas schon einmal passieren, obwohl ich es selbst noch nie erlebt habe. Wir blickten uns beide ratlos an und wussten nicht, was wir tun sollten. Ich fragte in den Raum: „Haben wir einen Schiedsrichter hier?“, doch überall nur ratloses Schweigen. Dann schlug ich Daniel vor: „Lass und doch mal zum Turnierleiter gehen, der kann uns bestimmt sagen, was in solchen Fällen zu tun ist!“ Daniel war einverstanden. Wir standen beide auf, verließen den Saal und begaben uns auf den Flur, doch der Turnierleiter war nirgends zu sehen. Daniel meinte: „Ich weiß, wo er sein könnte!“

Ehe ich mich versah, flitzte er auch schon über den Flur, so dass ich Mühe hatte, ihm zu folgen. Als ich ihn einholte, kamen wir das erste Mal miteinander ins Gespräch. Wir waren uns einig, dass wir so etwas noch nie erlebt hatten. Schließlich fanden wir den Turnierleiter und erklärten ihm, was passiert war. Der Turnierleiter zeigte sich recht unkompliziert und besorgte uns kurzerhand eine andere Uhr. Auf der alten Uhr las er die verbliebene Zeit ab und übertrug sie auf die neue Uhr, wobei er jedem von uns noch etwa 5 Minuten gab. Ich hätte eigentlich noch deutlich mehr Zeit haben müsse, aber dafür war ich der eindeutig stärkere Spieler und wollte mich nicht beschweren. Aus der Schnellpartie wurde also kurzerhand eine Blitzpartie, die ich nach kurzer Zeit für mich entscheiden konnte.

Daniel schien keineswegs enttäuscht über seine Auftaktniederlage, sondern war immer noch ganz aufgewühlt von dem kleinen „Abenteuer,“ das wir zwischenzeitlich erlebt hatten. Nach der Partie begab er sich in den Nebenraum, setzte sich an eines der Analysebretter und spielte noch einmal die Eröffnung nach, die er zuvor gegen mich angewandt hatte. Ich folgte ihm und setze mich zu ihm. „Na, guckst du dir noch einmal deine Eröffnung an?“ Dann zeigte ich ihm, was er aus meiner Sicht falsch gemacht hatte: Ich erklärte ihm, dass er den weißen Eröffungszug 1. e4 besser nicht mit 1. ...f5 erwidern sollte. Interessiert hörte er meinen Ausführungen zu und versicherte mir, dass er normalerweise nie 1. ..f5 spiele, sondern dass er nur einmal etwas ausprobieren wollte. Schließlich wäre es ein Turnier, auf dem es um nichts Ernsthaftes ginge. Ich bestätigte ihn in seiner Einsicht: „Das mit f5, das lass mal wirklich besser blieben!“ Es entwickelte sich ein lockeres und ungezwungenes Gespräch. Ich fragte ihn, ob er hier für den ausrichtenden Verein spielt. Er bestätigte dies und erklärte mir, dass er über eine Schulschach-AG in den Verein gekommen sei. Wir unterhielten uns noch ein Weile, bis die nächste Runde eingeleitet wurde. „Ich glaube, die nächste Runde geht gleich weiter. Lass uns mal gucken gehen!“, unterbrach ich unser angeregtes Gespräch. Wir begaben uns wieder in den Turniersaal – und tatsächlich: Die zweite Runde war schon ausgelost und die meisten Teilnehmer saßen bereits auf ihren Plätzen.

Die nächsten vier Runde spielte ich nur noch gegen erwachsene Gegner, aber in den Pausen traf ich immer wieder auf Daniel, der fröhlich auf mich zukam und mir sofort erzählte, wie er gespielt hatte und ob er mit dem Ergebnis zufrieden war. Im Gegenzug erzählte ich ihm von meinen Ergebnissen, von meinen Fehlern und von meinen Glücksgriffen. Ich stand ihm bei, als er mit einem etwas griesgrämigen älteren Herrn in Streit geriet. Der Mann hatte sich nach der Partie bei Daniel beschwert, dass er die Uhr angestellt hatte, obwohl er als Gegner noch gar nicht am Brett saß. Ich erklärte Daniel, dass er sich diesen Vorwurf nicht gefallen lassen muss: „Du brauchst dir keinen Vorwurf machen zu lassen. Es ist sein Problem, wenn er nicht pünktlich ist.“

In der sechsten Runde musste ich gegen einen 14-Jährigen spielen, den ich bereits aus früheren Turnieren kannte. Mit ihm kam ich diesmal aber nicht so intensiv ins Gespräch, was wohl auch daran lag, dass er mit seinen 14 Jahren bereits Verantwortung in der Turnierleitung übernahm. Dafür habe ich mich mit Daniel sehr gut verstanden. Er war unheimlich zugewandt und sehr gesprächig, er kam zwischen den Runden immer wieder auf mich zu und erzählte mir, wie er gerade gespielt hatte. Über diese kleinen Begegnungen habe ich mich jedes Mal gefreut.

Als das Turnier zu Ende ging, war ich mit meinen 5 aus 9 Punkten sehr zufrieden. Sogar Daniel strahlte übers ganze Gesicht , als er mir voller Stolz erzählte, dass er es auf sage und schreibe 4 Punkte gebracht hatte, obwohl es seine erstes Turnier war. Ich freute mich mit ihm und versicherte ihm, dass er mit diesem Ergebnis mehr als zufrieden sein kann. Wir warteten beide auf die Siegerehrung und spekulierten schon, welchen Platz wir wohl erreicht haben würden. Endlich wurde die Spannung aufgelöst und die Siegerehrung begann. Ich mit meinen 5 Punkten kam auf den achten Platz, Daniel konnte sich mit seinen 4 Punkten immerhin noch über einen respektablen Platz im unteren Mittelfeld freuen.

Nach der Siegerehrung löste sich die Veranstaltung rasch auf. Im allgemeinen Gewühl hatte ich keine Gelegenheit mehr, mich von Daniel zu verabschieden. Ob ich ihn jemals wieder sehen werde? Da er beim Nachbarverein spielt, werden wir uns bestimmt noch das eine oder andere Mal über den Weg laufen. Eine richtige Freundschaft wird es wohl nicht werden, aber vielleicht werden wir ja noch ein paar nette Momente miteinander haben. Nach diesem rundum gelungenen Tag machte ich mich in eisiger Februarkälte wieder auf den Rückweg in Richtung Bahnhof.

aktualisiert: 05.02.2009