Eine fragwürdige Gruppentherapie
Im Sommer 2004, etwa ein halbes Jahr nach meiner pädophilen Selbsterkenntnis, steckte ich in einer schwierigen Phase, in der es mir nicht so gut ging. Ich war zu dieser Zeit arbeitslos. Die Sorgen um meine Zukunft machten mir zu schaffen, was mich niedergedrückt und depressiv werden ließ. Zu dieser Zeit litt ich auch wieder vermehrt unter meiner Pädophilie. Die Frage war nur: Mit wem konnte ich darüber reden? Mein Therapeut aus Hamburg, bei dem ich immer noch regelmäßig in Behandlung war, befand zu diesem Zeitpunkt im Urlaub. Ich wandte mich noch einmal an die Sexualtherapeutin vom Uni-Klinikum in Hamburg-Eppendorf. Sie konnte mir damals zwar keinen Therapieplatz anbieten, hatte mir aber zugesagt, das ich mich in kritischen Zeiten an sie wenden könnte. Doch auch sie war damals für längere Zeit nicht zu erreichen. So hatte ich niemanden, mit dem ich über meine innere Not sprechen konnte.
Ein langjähriger Bekannter
Dann fiel mir doch noch jemand ein, der vielleicht als Gesprächspartner in Frage käme: Herbert, ein langjähriger Bekannter meiner Mutter. Meine Mutter war kannte ihn seit über zwanzig Jahren, seit Kindertagen ging er regelmäßig bei uns ein und aus. Herbert hatte meine Mutter damals sehr geholfen, mit dem Weggang meines Vaters fertig zu werden. Im Nachhinein vermute ich, es hat auch damals schon zwischen den beiden gefunkt, wenngleich es niemals eine „offizielle“ Beziehung gab. Herbert ist Sozialarbeiter von Beruf, arbeitet als Bewährungshelfer und hat auch eine therapeutische Ausbildung. Zu ihm hatte ich Vertrauen, da er sich an mir und meiner Familie immer sehr interessiert gezeigt hatte.
Ich habe Herbert besucht und mich ihm anvertraut. Er ist sehr gefasst und verständnisvoll damit umgegangen und ich hatte den Eindruck, er wollte mir wirklich helfen. Im Laufe des Gesprächs erzählte er mir von seiner Arbeit als Bewährungshelfer. Er sagte, er habe auch einige Probanden, die wegen sexuellen Missbrauchs vorbestraft sind. Dann machte er spontan einen Vorschlag: „Lass uns doch einfach mal eine Pädophilen-Gruppe gründen!“ Zunächst fand ich die Idee ein bisschen befremdlich, bei der Bewährungshilfe mitzuarbeiten, aber dann dachte ich: Warum eigentlich nicht? Vielleicht kann ich hier etwas bewirken und straffällig gewordenen Pädophilen helfen. Dann erzählte er weiter, dass er bereits jemanden im Kopf habe, der für solch eine Gruppe in Frage käme: Ein Bauingenieur aus Süddeutschland, der übrigens auch gerne Schach spielt. Da schoss es mir wie elektrisiert durch den Kopf:„Ein Bauingenieur aus Süddeutschland, der gerne Schach spielt, den kenn ich doch! Das kann doch nur der Christian aus dem Schachverein sein! Ich war einfach völlig perplex, aber wir leben in einer Kleinstadt, da können solche Zufälle passieren. Trotzdem: Diesen Hammer musste ich erst einmal verdauen!
Am nächsten Tag hatten wir das erste Treffen und tatsächlich, er war es: Christian aus dem Schachverein! Christian zeigte sich sehr einsichtig und gab zu erkennen, dass er sich ernsthaft mit sich und seiner Tat auseinander setzen will. Nach dem ersten Treffen war ich zufrieden und dachte: Das war wirklich eine tolle Idee von Herbert! Das zweite Treffen war noch interessanter. Herbert stellte uns eine befreundete Sozialarbeiterin vor: Sie hieß Heike, arbeitete in einem Kindergarten und interessierte sich von Berufs wegen für das Thema sexueller Missbrauch. Zunächst hatte ich einige Berührungsängste mit ihr und fragte mich: Kann sie als Kindergärtnerin überhaupt unvoreingenommen mit pädophilen Menschen umgehen? Ich merkte aber schnell, dass meine Sorge unbegründet war. Heike war sehr nett und ich verstand mich ausgesprochen gut mit ihr. Wir kamen schnell miteinander ins Gespräch, nicht nur über Pädophilie und sexuellen Missbrauch, sondern auch über ihre Arbeit. Ich hatte viele Fragen an sie als Pädagogin. Wir unterhielten uns darüber, was Kinder brauchen und wie man mit ihnen umgehen sollte. Ich engagierte mich sehr für diese Gruppe, brachte meine 15 Grundsätze mit und wir unterhielten uns darüber. Im Internet recherchierte ich extra nach Fachartikeln, die ich ebenfalls ausdruckte und mitbrachte. Wir führten viele interessante Gespräche miteinander, zunächst sah alles sehr viel versprechend aus. Immer mit dabei: Christian, der vorbestrafte Pädophile, einsichtig und geläutert.
Eines Tages dann der große Schock: Christian hatte mich zu sich nach Hause eingeladen und dort zeigte er sich plötzlich von einer ganz anderen Seite. Wir kamen miteinander ins Gespräch und er erzählte mir, Sex zwischen Kindern und Erwachsen sei doch längst nicht so gefährlich, wie das immer dargestellt wird. Im Gegenteil: „Körperliche Zärtlichkeiten“ zwischen Kindern und Erwachsenen hält er für wünschenswert und sogar für notwendig! Die Kinder wünschten sich das schließlich selbst und ergriffen oft genug sogar die Initiative, was also sollte daran verwerflich sein? Die ganzen Schutzgesetze würden viel mehr schaden als nützen und die Gesellschaft sei in dieser Hinsicht noch viel zu verklemmt. Er selbst hätte damals mit einem 6-jährigen Jungen zusammen onaniert. Der Junge hätte zu Hause davon erzählt und so sei alles herausgekommen. Er hätte aber den Eindruck gehabt, dem Jungen hätte das gut getan, er sei sich jedenfalls kaum einer Schuld bewusst.
Ich war wie erschlagen, auf so etwas war ich absolut nicht vorbereitet. Er hat mich sogar mit Pädo-Aktivisten wie Dieter Gieseking auf eine Stufe gestellt: „Du bist nichts Besseres als er, nur weil Du noch keinen Sex mit Kindern hattest. Den guten und den bösen Pädo, so einfach wie du glaubst, ist das nicht.“ So einen haarsträubenden Unsinn musste ich mir die ganze Zeit anhören. Vor seinem Bewährungshelfer hatte er sich immer einsichtig gezeigt und nun präsentierte er sich plötzlich von einer ganz anderen Seite. Natürlich wusste ich, dass es Pädophile gibt, die so denken. Wenn man so jemandem aber ganz unvorbereitet gegenüber steht, dann ist das etwas ganz anderes. Ich war wie erschlagen, mir fehlten regelrecht die Worte. Heute hätte ich ihn in Grund und Boden gestampft, aber damals war ich in solchen Diskussionen noch zu unerfahren und wusste nicht, wie ich reagieren sollte. Ich fühlte mich zunehmend unwohler und sah zu, dass ich schnell wieder nach Hause kam. Mir war schlagartig klar geworden, dass ich mit diesem Mann niemals eine gemeinsame Basis finden würde. Ich spürte, dass mir der Kontakt mit ihm nicht gut tat.
Am nächsten Morgen ging ich sofort zu seinem Herbert und berichtete ihm, was sich zugetragen hatte. „Du dachtest, dieser Mann wäre einsichtig. Merkst Du gar nicht, dass er Dir nur Theater vorspielt? Wenn Du als Bewährungshelfer dabei bist, spielt er den Einsichtigen, aber wenn ich mit ihm allein bin, präsentiert er sich von einer ganz anderen Seite!“ Herbert war sichtlich irritiert und versuchte zu beschwichtigen. „Du hast Recht, aber du kannst nicht erwarten, dass er sich von heute auf morgen ändert, es ist ja schon viel Wert, dass er überhaupt zu dieser Gruppe kommt.“
Ein fruchtloser Machtkampf
Beim nächsten Treffen stellte ich Christian zur Rede und machte ihm klar, dass so eine Gruppe nur Sinn macht, wenn wir offen und ehrlich miteinander umgehen. „Sollte ich weiter den Eindruck haben, dass du ein doppeltes Spiel mit uns treibst, dann werde ich für diese Gruppe nicht mehr zur Verfügung stehen. Für so etwas gebe ich mich nicht her!“ Christian waren meine deutlichen Worte sichtlich unangenehm. Es sei nicht seine Absicht gewesen, mich zu täuschen, wenn ich das so verstanden hätte, dann täte ihm das leid. Seine Erklärung, die dann folgte, war allerdings unglaublich: Er sei schließlich nie gefragt worden, wie er über Sex mit Kindern denkt, folglich hätte er keinen Grund gesehen, seine Ansichten offen zu legen. „Was ich hier erzähle oder nicht, bleibt doch mir überlassen!“ Ich erwiderte ihm: „Christian, wenn du etwas verändern willst, dann müssen wir hier ehrlich miteinander umgehen. Ansonsten können wir uns das Ganze schenken!“
Im Laufe der Diskussion drehte er auf einmal den Spieß um und versuchte, mich als den Uneinsichtigen hinzustellen: „Du spielst jede Woche mit den Kindern Schach, meinst Du wirklich, dass das zu verantworten ist für jemanden, der pädophile Neigungen hat? Du solltest so verantwortungsbewusst sein und dich von Kindern fern halten.“ Er würde schließlich auch erst ab 20 Uhr kommen, wenn die Kinder wieder weg sind. Ich habe gekocht vor Wut: Ausgerechnet er, ein vorbestrafter Missbrauchstäter, erzählt mir etwas von Verantwortung! Für mich war es offensichtlich, dass er nur von seinen eigenen Problemen ablenken wollte, deshalb habe ich mich auf keine Diskussion mehr eingelassen. Der Gipfel war allerdings: „Das viele Schachspielen ist gar nicht gut, man soll Kinder nicht so früh auf der intellektuellen Ebene ansprechen. Viel wichtiger sind Zärtlichkeiten und Körperkontakt.“
Ich dachte nur noch: „Das darf doch alles nicht wahr sein, wo bin ich hier nur gelandet!“ Von Herbert kam gar nichts mehr, er schien heillos überfordert. Heike war zu diesem Zeitpunkt schon gar nicht mehr mit dabei, sie war kurzfristig in eine andere Stadt gezogen. Das fand ich sehr schade, denn die Gespräche mit ihr habe ich sehr vermisst. Sie wäre vermutlich die einzige gewesen, die mich jetzt noch ein wenig hätte unterstützen können. So aber war ich von nun an mit Christian und Herbert allein. Zwischendurch waren noch zwei weitere Sozialarbeiterinnen dabei, die Herbert von irgendwoher kannte und spontan eingeladen hatte. Beide waren ein- bzw. zweimal dabei, zeigten sich sehr interessiert und kamen dann plötzlich nicht mehr. Daraufhin habe ich ein paar deutliche Wort an Herbert gerichtet: „Herbert, das geht doch so nicht. Es kann nicht sein, dass immer wieder irgendwelche Leute neu dazu kommen, kurz Hallo sagen und sich dann nie wieder blicken lassen. So eine Gruppe ist doch kein Kaffeekränzchen, wo jeder kommen und gehen kann, wie er will. Da braucht man Leute, die regelmäßig dabei sind.“ Das konnte er nicht verstehen und hat beleidigt reagiert.
In der folgenden Woche habe ich meinem Therapeuten aus Hamburg erzählt, was ich bei der Bewährungshilfe alles erlebt hatte. Sein Urteil war eindeutig: „Halten Sie sich da fern, das ist nichts für Sie! Sie gehören nicht mit diesem Mann zusammen, der hat eine ganz andere Problematik als Sie.“ Von Herbert war er auch nicht sonderlich begeistert: „Es ist auch nicht in Ordnung, wenn dieser Mann Sie als Hilfstherapeut einsetzt, das ist ein Missbrauch Ihrer Person.“ Die Psychologin vom Uni-Klinikum (sie war inzwischen wieder erreichbar) habe ich ebenfalls um Rat gefragt. Sie hat mich in meiner Meinung bestärkt und mir ebenfalls geraten, nicht mehr in diese Gruppe zu gehen.
Outing vor meiner Schwester
Mein Entschluss, die Therapiegruppe wieder zu verlassen, stand bereits fest, da unterhielt ich mich eines Tages zu Hause mit meiner Schwester. Sie wohnte mit ihrem Lebenspartner zusammen (den sie später heiratete), kam uns aber noch oft besuchen, da wir im selben Ort wohnten. Meine Mutter war an diesem Tag nicht da, als meiner Schwester ein Satz über die Lippen ging, der mich fast vom Stuhl gerissen hätte: „Weißt Du gar nicht, dass Mama mit Herbert eine Affäre hat?“ Nun also der nächste große Schock: Der Mann, der sich mir als Therapeut angeboten hat, geht fremd mit meiner eigenen Mutter! Mein Schwester ahnte natürlich nichts der Therapiegruppe, die mich und Herbert seit einigen Wochen miteinander verband. Ich war dermaßen schockiert und irritiert, dass ich meiner Schwester spontan alles beichtete, was mir und Herbert vorgefallen war. Damit verbunden war auch mein Outing als Pädophiler, und so war meine Schwester ‒ inzwischen 29 Jahre alt ‒ die erste aus der Familie, die von meiner pädophilen Neigung erfuhr.
Meine Schwester hat mein Outing sehr ruhig und gefasst aufgenommen. Sie sagte, sie hätte das insgeheim schon lange vermutet. Es sei ihr über all die Jahre nicht verborgen geblieben, wie sehr ich mich nicht nur für Kinder interessiere, wohingegen ich mit Gleichaltrigen nie sonderlich viel anfangen konnte. Ich war erleichtert, dass mein Outing sie offensichtlich nicht sonderlich vom Stuhl gerissen hat. Sie wirkte sogar ein wenig erleichtert, dass ich das Thema endlich einmal offen angesprochen habe. Richtig in die Tiefe gegangen sind wir an diesem Tag aber nicht, dazu kam der plötzliche Themenwechsel zu unerwartet. Trotzdem: Jetzt, wo der Damm einmal gebrochen war, hatte ich das Bedürfnis, meiner Schwester mehr über mich und meine Probleme zu erzählen.
Also verabredeten wir uns einige Tage später noch einmal zu einem persönlichen Gespräch. Worüber wir im Einzelnen gesprochen habe, weiß ich nicht mehr so genau. Ich weiß nur noch, dass sie auf einmal nicht mehr so unbekümmert war wie wie im allerersten Moment. Stattdessen reagierte sie ungewöhnlich reserviert und fast schon aggressiv. Sie gab mir unmissverständlich zu verstehen, dass sie meine Neigung für schwer krank hält. es kamen Sätze wie: „Das ist so was von abartig, erzähl das bloß niemandem!“ oder: „Du bist eine unterschwellige Gefahr für Kinder. Wenn ich ein Kind hätte, das würde ich nicht mit dir alleine lassen!“ Diese Worte haben mich sehr verletzt, was ich mir aber nicht anmerken ließ. Ich versuchte auf sachlicher Basis zu argumentieren, was im Internet ja immer sehr gut funktioniert hatte. Doch bei meiner Schwester am ich damit nicht weiter, da brachen plötzlich uralte Konflikte wieder auf. Sie versuchte mich zu überzeugen, ich sollte endlich einmal ernsthaft an meinen Kindheitskonflikten arbeiten, dann würde ich sich das mit der Pädophilie auch eines Tages wieder geben.
Ich versuchte sie zu überzeugen, dass ich sehr verantwortungsvoll mit meiner Neigung umgehe und erklärte ihr, dass ich nicht nur aus meinem Trieb bestehe, sondern auch ein Gewissen und ein stark ausgeprägtes Verantwortungsgefühl habe. Das hat sie zwar zu Kenntnis genommen, aber letztlich sind wir auf keinen gemeinsamen Nenner mehr gekommen. Das fand ich sehr schade, denn einige Tage vorher sah es noch so aus, als hätte ich in meiner Schwester einen vertrauensvollen und unvoreingenommen Gesprächspartner gefunden. Bevor ich wieder ging, habe ich noch ein ausgedrucktes Exemplar meines Aufsatzes „Pädophilie als Schicksal und Herausforderung“ übergeben. Ob sie ihn gelesen hat, weiß ich bis heute nicht, denn seit diesem Tag im habe ich mit meiner Schwester nie wieder über meine Pädophilie gesprochen. Trotzdem merke ich, dass das Thema immer noch irgendwie zwischen uns steht. Ihre damalige Ankündigung, mich von ihren Kindern fernzuhalten, hat sie glücklicherweise nicht wahr gemacht. Inzwischen ist sie mit ihrem Mann in den Nachbarort gezogen, hat einen dreijährigen Sohn und eine kleine Tochter im Alter von sechs Monaten. Wenn wir uns sehen, dann spiele und unterhalte ich mich auch mit meinem Neffen, ohne dass ich das Gefühl habe, dass meine Schwester mich dabei übermäßig beäugt. Von daher habe ich schon die Hoffnung, dass ihr vieles vielleicht nur in der ersten Bestürzung herausgerutscht ist, als sie sich noch nicht wirklich mit mir und meiner Lebenseinstellung befasst hatte.
Die Reaktionen von Vater und Mutter
Wenig später habe ich mich auch meinem Vater gegenüber geoutet. Seit der Scheidung meiner Eltern (damals war ich 8 Jahre alt) hatte ich zwar ein äußert angespanntes Verhältnis zu ihm, zwischendurch gab es aber auch immer mal wieder Phasen, wo sich das Verhältnis vorübergehend entspannte. Eine solche Phase gab es auch im Jahr 2004. Nachdem ich meine Umschulung erfolgreich abgeschlossen hatte, gratulierte er mir überschwenglich und sagte, dass er sich riesig für mich freuen würde. Natürlich freute ich mich über so viel Lob, aber das Ganze hatte auch eine Schattenseite. Wieder einmal zeigte sich nämlich, das ich die Anerkennung meines Vater nur über gute Leistungen bekam, nicht aber für das, was mich als Menschen ausmacht. Trotzdem hatte ich die Hoffnung, das sich unser Verhältnis nun wieder zum Besseren wenden könnte. Eines Tages im November 2004 kam er zu uns nach Hause und lud mich sogar zum Essen ein.
Wir redeten den ganzen Abend miteinander, auch über viel Dinge, die sich früher in der Familie abgespielt hatten und u. a. auch zur Scheidung meiner Eltern führten. So offen hatte ich mit meinem Vater nur ganz selten erlebt. Irgendwann fing auch ich an, ganz offen über all das zu reden, was mich in den letzten Wochen zunehmend bedrückte. Ich erzählte ihm von meinen pädophilen Neigungen, von der Gruppentherapie bei Herbert ‒ mit dem meine Mutter angeblich ein Verhältnis hatte ‒ bis zum kürzlichen Outing vor meiner Schwester. Auch mein Vater ist sehr besonnen mit der Situation umgegangen, ohne jegliche Vorwürfe. Er meinte sogar: „Ich weiß, dass du dir das nicht ausgesucht hast und sehe ja, wie ernsthaft du dich damit auseinandersetzt.“ Angesichts von soviel Verständnis ist mir ein riesengroßer Stein vom Herzen gefallen. Viel mehr als über mein pädophiles Outing ärgerte sich mein Vater über die Geschichte mit der Gruppentherapie und den ganzen Verstrickung, die sich daraus ergaben. Mein Vater mahnte mich eindringlich, mich nicht wieder mit Herbert zu treffen und der Gruppe fern zu bleiben: „Halt dich bloß von diesem Herbert fern! Der will dir nichts Gutes, der benutzt dich nur!“
Mit meiner Mutter konnte ich bis heute nur andeutungsweise über meine Pädophilie sprechen. Sie hat es nicht von mir selbst erfahren, sondern von meiner Schwester, kurz nachdem ich mich ihr gegenüber geoutet hatte. Auch meine Mutter wäre nicht sonderlich überrascht gewesen, wie mir meine Schwester später erzählte: „Mir war das doch auch schon immer klar, dass Marco sich nur für Kinder interessiert ‒ und dass sich das auf alle Bereiche des Lebens bezieht...“ Wenig später habe ich versucht, meine Mutter ganz vorsichtig darauf anzusprechen: „Du weißt also Bescheid, was zwischen mir und Herbert vorgefallen ist?" Meine Mutter bestätigte, dass meine Schwester ihr alles erzählt hätte. Auf meine Pädophilie selbst ging sie nur ganz vorsichtig ein: „Na ja, gut finde ich es ja nicht, dass du dich so sehr für Kinder interessierst...“ Und weiter: „Was kann man denn tun, damit das irgendwann mal anders wird?“ An dieser Frage sieht man, wie schwer es meiner Mutter fiel, die Unabänderlichkeit meiner sexuellen Ausrichtung zu akzeptieren. Sie klammert sich vermutlich immer noch an die Hoffnung, dass meine Pädophilie heilbar ist und dass ich irgendwann wieder ein ganz „normaler“ Mann werde, vom dem sie vielleicht auch eines Tages Enkelkinder bekommt. Bis heute kann ich mit ihr nicht offen über das Thema reden.
Die einzige aus der Familie, mit der überhaupt noch nicht über meine Pädophile habe, ist meine jüngste Schwester. Meine Mutter bat mich inständig, ihr nichts zu erzählen, denn sie sei ja noch so jung und man sollte sie nicht unnötig damit belasten. In meinen Augen war das ein Vorwand, denn immerhin war meine Schwester damals schon 23 Jahre alt. Ich vermute eher, meiner Mutter war es dermaßen peinlich, einen pädophilen Sohn zu haben, dass möglichst niemand davon erfahren sollte, noch nicht einmal die eigenen Familie. Um unnötigen Stress zu vermeiden, kam ich der Bitte meiner Mutter nach und habe mit meiner jüngsten Schwester niemals über meine Pädophilie gesprochen. Ob sie es inzwischen von irgendwem erfahren oder es zumindest ahnt, weiß ich bis heute nicht.
Mein Abschied aus der Gruppe
So kam es, das die dubiose Gruppentherapie mit Herbert (von der ursprünglich niemand etwas wissen sollte) dazu führte, dass ich mich schlussendlich vor meine ganzen Familie geoutet habe. Heute nach über fünf Jahren spreche ich mit meiner Familie praktisch gar nicht mehr über meine Pädophile. Ich habe das Gefühl, das Thema ist ihnen sichtlich unangenehm. Sie verdrängen es, wo immer es geht. Das finde ich zwar sehr schade, aber es bringt nichts, ein Gespräch zu erzwingen, wo keine Gesprächsbereitschaft da ist. Ob meine Mutter tatsächlich ein sexuelles Verhältnis hatte, konnte ich bis heute ebenfalls nicht klären. Als erstes habe ich Herbert zur Rede gestellt. Er hat alles abgestritten und gesagt, das Verhältnis sei rein freundschaftlich. Er kümmere sich zwar hin und wieder meine Mutter, aber rein professionell, weil sie immer so einsam sei und sonst niemanden hätte., mit dem sie über bestimmte Dinge reden könnte.
Ich war irritiert: Sollte meine Schwester sich doch geirrt haben? Ich sprach auch sie noch einmal darauf an und erzählte ihr die Version von Herbert. Daraufhin wurde sie richtig sauer: „Marco, ich bin doch nicht blöd! Ich habe mitgehört, wie die beiden miteinander reden und wie sie miteinander umgehen. Es ist sehr viel mehr als nur eine Freundschaft. Dieser Mann ist eiskalt, erst lässt er sich mit Mama ein und dann streitet er alles ab, nur um seine Haut zu retten.“ Zum Schluss bat ich meine Mutter selbst um eine Stellungnahme. Sie stellt es wieder ganz anders dar: Ja, es gäbe eine Liebesbeziehung, aber nur platonisch, schließlich sei Herbert verheiratet und würde sich auch nicht scheiden lassen. Das war mir alles zu viel des Guten! Ich wusste überhaupt nicht mehr, woran ich war und was ich denken sollte. Ich bekam drei verschiedene präsentiert, von denen ich bis heute nicht weiß, welche die richtige ist. Dazu kam noch ein anderes Problem: Wie sollte ich jetzt noch unbefangen mit Herbert reden können, wenn er möglicherweise eine Beziehung mit meiner eigenen Mutter hat? Ich habe es ihm sehr übel genommen, dass er mir davon nie etwas gesagt hat.
Ich sah keine andere Wahl mehr: Beim nächsten Treffen habe ich meinen Ausstieg aus der Gruppe erklärt. Es kam, wie ich es befürchtet hatte: Herbert nahm es persönlich! Zunächst zeigte er zwar Verständnis, aber dann fing er an, auf subtile Weise Druck auszuüben. Er hat mir vorgerechnet, was er schon alles für mich getan hat. zum Schluss hat er es sogar noch auf eine ganz miese Tour versucht: „Es kann ja sein, dass Du auch mal zu Unrecht in Verdacht gerätst. Es braucht ja nur mal ein Kind zu sagen: Der Marco ist mir an die Hose gegangen. Dann wird gegen dich ermittelt, dann wird man auch deinen Computer mitnehmen, dort wird man deine ganzen Unterlagen finden und dann kann ich mir vorstellen, dass du mich noch mal sehr brauchen könntest!“ Ich ließ mich von Herberts Beeinflussungsversuchen nicht beirren. Er dagegen hat weiter nachgetreten. So musste ich mir z. B. anhören, ich säße ja „auf so einem hohem Ross“ und würde mich für etwas Besseres halten. Irgendwann bin ich wütend geworden: „Du hast hinter meinem Rücken eine Affäre mit meiner Mutter, bist noch nicht einmal Manns genug, dazu zu stehen und wirfst mir vor, ich sitze auf einem hohem Ross?“ Von da an gab ein Wort das andere. Am Ende sind wir in einem lautstarken Streit auseinander gegangen. Und das alles vor den Augen von Christian den ich weiterhin regelmäßig im Schachverein sehen musste.
Nach diesem Tag im November 2004 war ich völlig fertig. Herbert habe ich seitdem nicht mehr gesehen und will ihn auch nicht mehr sehen. Christian und ich sind uns im Verein fortan aus dem Weg gegangen. Ich sehe es heute ähnlich wie mein Vater damals: Herbert hat mich und meine Probleme benutzt, um damit zu experimentieren. Er hat gar nicht die Ausbildung und das Wissen, um so eine Gruppe zu leiten, was man schon daran sieht, dass er sich von Christian täuschen ließ. Er hat es anfangs vielleicht gut gemeint, aber letztendlich ist ihm die Sache über den Kopf gewachsen. Diese Gruppe war von Anfang an zum Scheitern verurteilt: Kein Plan, kein Konzept, nur eine vage Idee. Dazu zwei Teilnehmer, die absolut nicht zusammen passten. Ein verantwortungsbewusster Therapeut hätte auch keine Affäre mit der Mutter eines Klienten angefangen. Rückblickend war es sicher nicht gut, dass ich mich diesem Mann anvertraut habe, aber wenigstens habe ich rechtzeitig den Absprung geschafft.
Eine Frage aber blieb: Wie sollte es im Verein weitergehen? Ist es überhaupt zu verantworten, dass Christian sich in einem Verein aufhält, wo so viele Kinder sind? Andererseits hielt er sich an seine selbst gemachten Auflagen und kam nie vor 20 Uhr. Ich dachte, solange er den Verein benutzt, um mit anderen Erwachsenen in Kontakt zu kommen und sich von den Kindern möglichst fern hält, kann ihm das keiner übel nehmen. Trotzdem befand ich mich in einem Dilemma: Sollte ich jemals den geringsten Anhaltspunkt dafür finden, dass Christian sich auch an den Kindern im Verein vergeht, wäre ich gezwungen, ihn auffliegen lassen, auch auf die Gefahr hin, dass ich mich damit selbst oute! Ich hoffte inständig, dass es niemals dazu kommt.

