Was ist Gewalt?
Der Begriff Gewalt ist nicht nur im Zusammenhang mit Pädophilie und sexuellem Missbrauch von größter Bedeutung. Gewalt gibt es in den unterschiedlichsten Formen und Variationen. Sie kann offen oder versteckt daherkommen, brutal oder subtil, aus dem Affekt heraus oder von langer Hand geplant. Gewalt gibt es seit Menschengedenken. Sie ist eines der ältesten und größten, vielleicht sogar das größte Problem in der Geschichte der Menschheit. Die Auswirkungen gewalttätigen Handelns wirken wirken bis tief in unseren Alltag hinein, auch hier in unserer zivilisierten und vergleichsweise friedfertigen Gesellschaft. Fast jeder von uns hat in seinem Leben schon einmal irgendeine Form von Gewalt erfahren, von daher hat wohl auch jeder seinen ganz eigenen Begriff von Gewalt.
Die Wurzeln von Gewalt und Aggression sind bekanntlich biologischer Natur, ganz überwinden lässt sie sich daher wohl nie. Jedoch hat bereits Erich Fromm darauf hingewiesen, dass es lediglich die defensive Gewalt ist, die in den Genen verankert ist.1) Jene Gewalt also, die ausschließlich zu Verteidigungszwecken dient, wenn dass eigene Leben, das Hab und Gut oder die persönliche Integrität in unzulässiger Weise verletzt werden. Das heißt nicht, dass jede Form von defensiver Gewalt legitim oder moralisch unbedenklich ist. Schon allein deshalb nicht, weil persönliche Angriffe (z. B. auf die Ehre) oftmals nur rein subjektiv als solche empfunden werden, aber trotzdem eine ganze Kette von archaischen Verteidigungsimpulse in Gang setzen können. Da diese archaischen Impulse jedoch genetisch determiniert sind, muss der reife und erwachsene Mensch lernen, mit ihnen zu leben und sie so zu kanalisieren, dass sie einem zivilisierten Zusammenleben nicht im Wege stehen. Die bösartigen, die zerstörerischen, sadistischen und machtbesessenen Formen von Gewalt sind hingegen nicht biologisch determiniert, sondern beruhen auf unverarbeiteten seelischen Konflikten. Fromm vertritt daher den Standpunkt, dass sich das Ausmaß an Gewalt unter den Menschen beträchtlich reduzieren lässt, wobei er selbst zugibt, dass es sich hierbei – realistisch betrachtet – um ein äußerst schwer zu verwirklichendes Unterfangen handelt.
Zur Definition von Gewalt
In den Medien werden wir heute tagtäglich mit den schrecklichsten Formen von Gewalt konfrontiert, insbesondere durch die Nachrichten aus aller Welt. Wir haben uns schon längst gewöhnt an die Alltäglichkeit der Gewalt. Viele von uns sind abgestumpft und verlieren auf Dauer ihre natürliche Sensibilität. Die häufigste Reaktion auf die mediale Überpräsenz der Gewalt ist die Verdrängung. Der gegenteilige Weg wäre meiner Meinung nach der richtige: Wir sollten uns viel mehr Gedanken darüber machen, was Gewalt überhaupt ist und wo gewalttätiges Handeln anfängt. Doch bereits bei diesen scheinbar banalen Fragen fehlen uns oft genug die Antworten, von einem allgemein anerkannten Konsens ganz zu schweigen. Doch was ist überhaupt Gewalt?
Eine einheitliche Definition von Gewalt gibt es nicht, der Begriff erweist sich bei näherer Betrachtung als ungeheuer vielschichtig. Es gibt die verschiedensten Ansätze, mit denen man versucht, die Merkmale gewalttätigen Handelns zu beschreiben. Man findet sehr eng gefasste Definitionen, die sich hauptsächlich auf körperliche Gewalt beziehen, aber auch sehr allgemein gehaltene, formelhafte Abstraktionen. Neben körperlicher und seelischer Gewalt werden teilweise noch viele andere Formen von Gewalt unterschieden, bis hin zu so abstrakten Begriffen wie kultureller, struktureller oder wirtschaftlicher Gewalt. Die wohl bekannteste Definition von Gewalt stammt vom norwegischen Friedensnobelpreisträger Johan Galtung:
„Gewalt liegt dann vor, wenn Menschen so beeinflusst werden, daß ihre aktuelle somatische und geistige Verwirklichung geringer ist als ihre potentielle Verwirklichung.“
(Johan Galtung: „Strukturelle Gewalt. Beiträge zur Friedens- und Konkliktforschung“, Rowohlt-Verlag, Reinbeck 1975, S. 9)
Anhand dieser sehr weit gefassten Definition wird deutlich, wie vielschichtig der Gewaltbegriff ist. Gewalt ist keineswegs nur auf körperliche Übergriffe beschränkt, sondern sie umfasst eine Vielzahl sehr unterschiedlicher Verhaltensweisen, die alle ein gemeinsames Merkmal haben: Die Beeinflussung eines anderen Menschen zu dessen Nachteil. Ich finde die Definition von Galtung sehr eindrucksvoll, denn in ihrer Abstraktion umfasst sie auch solche Verhaltensweisen, die bei vordergründiger Betrachtung nicht sofort als Gewalt zu erkennen sind. Inwieweit eine solch hochabstrakte Definition alltagstauglich ist, kann man dahingestellt sein lassen. Jede Form von menschlicher Gemeinschaft erfordert bestimmte Regeln und Grenzen, die den Einzelnen letztendlich immer auch darin einschränken, sich vollkommen frei zu entfalten. So gesehen ist jede Form von staatlichem Reglement immer auch eine Form von Gewalt, was sich aber wohl niemals vermeiden lässt. Ein zu abstrakter Begriff von Gewalt bringt uns also nicht weiter, denn da kommen wir schnell in einen Bereich, wo die Gewaltfrage zum rein semantischen Problem verkommt. Ein zu akademischer Gewaltbegriff birgt auch immer Gefahr, dass wir das Leid derjenigen, die unter wirklich schwerer Gewalt leiden, aus den Augen verlieren.
Es bleibt also eine ganz schwierige Frage, wie man den Begriff Gewalt möglichst präzise, aber gleichzeitig auch praxistauglich umschreiben kann. Meine persönliche Definition von Gewalt könnte in etwa folgendermaßen aussehen:
Gewalt beginnt dort, wo ein Mensch seine Macht, seine Überlegenheit oder ein Abhängigkeitsverhältnis ausnutzt, um einem anderen Menschen zu schaden, zu demütigen, zu verletzen, ihm seinen Willen aufzuzwingen oder ihn zu manipulieren.
Dies ist zwar auch eine sehr abstrakte Beschreibung, aber sie macht deutlich, wo ich den zentralen Punkt sehe: Gewalt bedeutet geht immer mit einem Missbrauch von Macht einher, gegen den sich der Andere nicht wehren kann. Diese missbräuchliche Anwendung von Macht ist für mich das entscheidende Kriterium jeder Form von Gewalttätigkeit; egal, in welcher Form sie auftritt. Es gibt unzählige Konstellationen, in denen Menschen Macht über andere Menschen haben. Da jede Form von Macht aber immer auch zum Missbrauch verführt, bergen alle Konstellationen mit ungleicher Machtverteilung immer auch einen Keim von Gewalt in sich, zumindest potentiell.
Gewalt gegen Kinder
Unterschiedliche Machtverteilungen zwischen Erwachsenen sind schon problematisch genug, aber ein Problem wird uns definitiv bis ans Ende aller Tage begleiten: Zwischen Kindern und Erwachsenen herrscht ein besonders extremes Machtgefälle, sowohl körperlich, als auch kognitiv. Diese prinzipielle Ungleichheit zwischen Kindern und Erwachsenen ist ein biologisches Faktum, dass sich weder aufheben noch überwinden lässt. Es zeichnet die zivilisierten Gesellschaften aus, dass sie mittels umfangreicher Kinderschutzbemühungen vieles tun, um die natürliche Verwundbarkeit von Kindern ein wenig abzufedern. Vollständig gelingen wird das wohl nie, denn trotz aller noch so umfangreichen Bemühungen um den Kinderschutz: Das Kind steht immer in einem Abhängigkeitsverhältnis zum Erwachsenen und wird potentiell immer gefährdet sein, Opfer von Gewalt, Misshandlung oder Unterdrückung zu werden. Vor diesem Hintergrund müssen wir uns vielen wichtigen Fragen stellen:
– Wie kann man ich Erwachsener mit Kindern umgehen, ohne dabei meine Macht zu missbrauchen?
– Wo liegt die Grenze zwischen verantwortungsvollem und missbräuchlichem Umgang mit Macht?
– Welche Formen von Gewalt gibt es und woran kann man sie erkennen?
– Welche Verhaltensweisen erlebt ein Kind als gewalttätig ?
Solche Überlegungen sind zwar immer noch sehr abstrakt, aber sie lassen die Frage nach einem möglichen Machtmissbrauch schon genauer beantworten, wodurch der Gewaltbegriff fassbarer wird. Wenn es um Gewalt gegen Kinder geht, unterscheidet man üblicherweise zwischen körperlicher, seelischer und sexueller Gewalt. Zu dieser Dreiteilung wird in jüngerer Zeit auch die körperliche und/oder seelisch-emotionale Vernachlässigung von Kindern dazu gerechnet. Aufgrund er engen Verbindung zum Thema Pädophilie habe ich die Frage nach der sexuellen Gewalt an gesonderter Stelle behandelt. Hierzu verweise ich auf meinen Beitrag zum Thema: Was ist sexueller Missbrauch?
Viele Verhaltensweisen gegenüber Kindern, die wir heute als gewalttätig bezeichnen, galten früher als selbstverständlicher Bestandteil einer „guten Erziehung“. Insbesondere die weit verbreitete Praxis körperlicher Züchtigung wurde nur selten in Frage gestellt. Diese Tradition reicht bis in die heutige Zeit hinein, denn erst im Jahr 2000 wurde das Recht auf gewaltfreie Erziehung im Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB) festgeschrieben (siehe auch: Zur Geschichte der Kinderrechte). Nach § 1631, Abs. 2 BGB ist seither jede Form der körperlichen Bestrafung verboten, auch der Klaps auf den Po. Außerdem verbietet das Gesetz „seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen“. Die gesetzliche Festschreibung der gewaltfreien Erziehung war ein großer Fortschritt in der rechtlichen Situation von Kindern, die seitdem weitaus besser vor gewalttätigen Übergriffen durch Erziehungsberechtigte und andere Erwachsenen geschützt sind. Doch trotz des gesetzlichen Verbots ist Gewalt gegen Kinder immer noch weit verbreitet.
Literatur:
1) Fromm, Erich: „Anatomie der menschlichen Destruktivität“, Reinbeck 1973

