Dienstag, 07.09.2010

Wie lässt sich Gewalt vermeiden?

 

Die zuvor erläuterten Gewaltbegriffe geben nur einen groben Überblick über die vielfältigen Gewalteinwirkungen, denen Kinder ausgesetzt sein können. Man sieht aber, dass es sehr viele Möglichkeiten gibt, ein Kind durch gewalttätiges Handeln zu schädigen. Offene Brutalität gehört genauso dazu wie sehr subtile psychische Einwirkungen, von den unzähligen Grautönen ganz zu schweigen. Entsprechend vielfältig sind auch die Folgen von Gewalt, mit denen Kinder oftmals ein Leben lang zu kämpfen haben. Kommen wir deshalb zum Schluss zur vielleicht wichtigsten Frage, wie sich die vielfältigen Formen von Gewalt vermeiden oder zumindest reduzieren lassen. Der Traum von der Überwindung der Gewalt ist vermutlich so alt wie die Gewalt selbst. Unzählige Religionen, politische Systeme und andere Ideologie haben sich an diesem Ziel versucht ‒ und dennoch scheint eine Welt ohne Gewalt heute genauso unrealistisch wie zu historischen Zeiten. Trotzdem gibt es immer wieder Menschen, die mit schier unermüdlicher Energie auf das Ziel hinarbeiten, unsere Welt ein kleines bisschen gewaltloser und liebenswerter zu machen. Das fängt im ganz Kleinen an (z. B. im ehrenamtlichen Engagement vor Ort) und geht bis hin zur großen Bühne der Weltpolitik.

Wenn wir diesem Ziel näher kommen wollen, dann müssen wir die Auswirkungen von Gewalt in Zukunft wahrscheinlich noch viel globaler betrachten ‒ und nach den gemeinsamen Mustern suchen, die allen Formen von Gewalt gemeinsam sind. Ich frage mich nämlich, ob die strenge Aufgliederung unterschiedlicher Gewaltarten wirklich im Sinne der Opfer ist. Wenn man sich die Folgen ansieht, unter denen Gewaltopfer zu leiden haben, dann halte ich die strikte Trennung von körperlicher, seelischer und sexueller Gewalt für trügerisch, denn die einzelnen Formen von Gewalt korrelieren sehr viel enger miteinander, als man gemeinhin annimmt.

Jede körperliche Verletzung bedeutet immer auch eine seelische Demütigung. Umgekehrt zeigen sich seelische Verletzungen oft genug in körperlichen Symptomen. Probleme wie Depressionen, Drogenabhängigkeit und viele andere psychosomatische Erkrankungen können die Folge sein. Für sexuelle Gewalt gilt das gleiche: Auch sexuelle Übergriffe können schwerste psychische und psychosomatische Folgeschäden nach sich ziehen. Umgekehrt sind viele Menschen, die als Kind schwere seelische oder körperliche Misshandlungen erlebt haben, später in ihrer Bindungs- und Beziehungsfähigkeit beeinträchtigt und damit auch in ihren Möglichkeiten, ihre Sexualität zu leben. In diesem globalen Sinn verliert die Unterscheidung zwischen körperlicher, seelischer und sexueller Gewalt immer mehr an Bedeutung, denn all diese Phänomene sind nur unterschiedliche Erscheinungsformen ein und derselben Sache, nämlich einem Mangel an Achtung und Respekt vor der persönlichen Integrität des Anderen.

 

Respekt und Achtung vor Kindern

Der beste Weg, jegliche Gewalt gegen Kinder zu vermeiden liegt meiner Meinung nach darin, Kinder als Mitmenschen ernst zu nehmen und ihre Gefühle zu respektieren. Wer mit Kindern zu tun hat, muss ihnen mit Einfühlungsvermögen und aufrichtigen Respekt entgegenbringen. Kindern bewusst mit Achtung zu begegnen – eine solche Werthaltung täte nicht nur pädophil empfindenden Menschen gut, sondern sollte zum Selbstverständnis eines jeden Erwachsen dazu gehören. Leider sind wir davon noch weit entfernt. Notwendig ist eine bewusste Selbstreflexion, bei der man sich vor schwierigen Situationen immer wieder fragt: Geht es mir jetzt wirklich um das Wohl des Kindes oder unbewusst vielleicht doch nur um meine eigenen Interessen? Ist mein Verhalten ein Ausdruck von Selbstsicherheit oder von Hilflosigkeit?

Solche Fragen können hart sein und verlangen viel Ehrlichkeit gegenüber sich selbst. Eine solche Selbstreflexion kommt nicht von allein; man muss sie erlernen und immer wieder aufs Neue trainieren. Es lohnt sich aber in jedem Fall, sich darum zu bemühen, denn dies ist aus meiner Sicht der beste Weg zu einer nachhaltigen Reduzierung von Gewalt. Es ist zwar eine Binsenweisheit, aber man kann es nicht oft genug betonen: Wer als Kind mit Liebe und Respekt behandelt wird, der wird später auch andere Menschen auf ebenso respektvolle Weise behandeln. Es gibt in diesem Zusammenhang ein wunderschönes Zitat von Allice Miller:

Kinder, die man respektiert, lernen Respekt. Kinder, die man bedient, lernen dienen, lernen, dem Schwächeren dienen. Kinder, die man so liebt, wie sie sind, lernen auch Toleranz.“

(Alice Miller; „Du sollst nicht merken. Variationen über das Paradies-Thema“, Frankfurt am Main 1983, S. 126)

So hoffnungsvoll dieser Satz klingt, der Umkehrschluss gilt leider genauso: Kinder, die von Erwachsenen keinen Respekt erfahren und nicht in ihrer Würde geachtet wurden, können auch keinen Respekt vor der Würde anderer Menschen entwickeln. Dieser relativ simple Mechanismus ist es, der den Kreislauf von Missachtung und Gewalt immer wieder von einer Generation an die nächste weitergibt. Diesen sich selbst erhaltenen Kreislauf der Gewalt kann man nur durchbrechen, indem man ihm einen anderen Kreislauf entgegensetzt; nämlich den Kreislauf von Liebe und Mitgefühl, die sich auf ähnlich wirkungsvolle Weise potenzieren, je öfter man sie vorlebt und weitergibt. Beginnen muss man damit nur bei den schwächsten und verletzlichsten Mitgliedern dieser Gesellschaft, nämlich bei den Kindern.

Der US-amerikanische Psychiater und Kinderpsychologe Rudolf Dreikurs (1897 – 1972) gilt als einer der einflussreichsten Erziehungswissenschaftler des 20. Jahrhunderts. Er hat viele Bücher über den Umgang mit Kindern geschrieben, die noch heute ‒ fast 40 Jahre nach seinem Tod ‒ als hilfreiche Erziehungsratgeber empfohlen werden. In in einem dieser Werke hat er eine Aussage gemacht, die mir sehr viel bedeutet, weil sie genau das wiedergibt, was auch ich schon immer empfunden habe:

Die Eltern erwarten, daß die Kinder ihnen und anderen älteren Personen Respekt erweisen, machen sich aber nicht klar, daß Kinder gleichermaßen der Achtung wert sind.“

(Rudolf Dreikurs / Shirley Gould / Raymond Corsini: Familienrat – Der Weg zu einem glücklicheren Zusammenleben von Eltern und Kindern, Stuttgart 1977, S. 74)

Hier liegt meines Erachtens auch der tiefere Schlüssel zur Lösung der Gewaltfrage, denn Gewalt gegen Kinder ‒ egal in welcher Form ‒ hat ihren tieferen Ursprung immer in einer unterschwelligen Abwertung der Kinder; in einem unzureichenden Bewusstsein für ihre Gefühle und ihre Würde. Dies wiederum hat viel damit zu tun, wie man selbst als Kind behandelt wurde; welche Botschaften man ‒ bewusst oder unbewusst ‒ für sich übernommen und internalisiert hat. Wenn wir uns fragen, wie es denn mit Respekt und Achtung gegenüber Kindern bestellt ist, dann lässt sich nicht übersehen, dass wir als Gesellschaft hier noch einen erheblichen Nachholbedarf haben. Das immer noch viel zu hohe Ausmaß an Gewalt gegenüber Kindern ist die traurige, aber leider auch zwangsläufige Folge davon. Eine wirklich nachhaltige Gewaltprävention muss an den gesellschaftlichen Ursachen ansetzen, sonst wird sie sich immer wieder totlaufen.


Weltweiter Kinderschutz als Königsweg

Der Kinderschutz ‒ in Verbindung mit dem heutigen Wissen zur Entstehung von Gewalt ‒ weist uns hier möglicherweise ganz neue Perspektiven. Wenn wir eine Welt ohne Gewalt, ohne Krieg, Terror und Unterdrückung wollen, dann können wir dieses Ziel nur erreichen, wenn wir das Problem dort angehen, wo es entsteht; nämlich in den Biographien misshandelter und gedemütigter Kinder, die Gewalt erlebt haben und später dazu neigen, die selbst erlebte Gewalt weiterzugeben. Der Kinderpsychiater und Traumaforscher Peter Riedesser (1942 – 2008) benannte diesen Zusammenhang in einem Vortrag aus dem Jahr 2001:

Vor diesem Hintergrund ist Kinderschutz zu einer Frage des Überlebens geworden. Weltweiter Kinderschutz ist der Königsweg zur Prävention nicht nur von seelischem Leid, sondern auch von Kriminalität, Militarismus und Terrorismus. Er sichert die Demokratie und den friedlichen kulturellen und ökonomischen Austausch.“

(Peter Riedesser: Vortrag zur Verleihung des Kinderschutzpreises der Hanse-Merkur am 29.10.2001 in Hamburg)

Kinderschutz als Königsweg ‒ eigentlich ein verblüffend einfaches Rezept, doch die Umsetzung erscheint immer noch völlig utopisch in unserer hochgradig gespaltenen und zerrissenen Welt. Trotzdem liegt in der ständigen Verbesserung des Kinderschutzes die vielleicht einzige Hoffnung auf eine wirklich zivilisierte und menschenfreundliche Welt. Für dieses Ziel lohnt es sich immer zu kämpfen, mag es (vorerst) auch noch so unrealistisch erscheinen. Gewalt gegen Kinder wird es vielleicht immer geben, weil Kinder von Natur aus schwächer als Erwachsene und damit immer ein hohes Risiko in sich tragen, zum Opfer von Misshandlung und Unterdrückung zu werden. Das können wir nicht ändern. Durch Wachsamkeit und eine ständige Verbesserung des Kinderschutzes können wir aber eine Menge dazu beitragen, die immer noch allgegenwärtige Gewalt gegen Kinder langfristig ganz erheblich zu reduzieren.

aktualisiert: 10.03.2010